Critica Diabolis 184
Paperback, aus dem Französischen von Bernadette Grubner, Roman Kuhn, Birgit Lulay, Christoph Plutte
336 Seiten
28.- Euro
ISBN 978-3-89320-152-5
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»Ich zähle nicht zu den Bewunderern der SI«, schrieb Guy Debord, als sich die Situationistische Internationale bereits in Aufösung befand. Dass Debord nicht nur kein »Bewunderer«, sondern ihr schonungslosester Kritiker war, zeigen die im Band versammelten ausgewählten Briefe. Sie setzen mit der Gründung der SI 1957 ein, dokumentieren die Spaltungen, die die Entwicklung von einem Zirkel experimentierender Künstler, Architekten und Philosophen zu einer politischen Avantgarde begleiteten, und lassen erkennen, dass Debord die Aufösung der Gruppe als zwingende Konsequenz aus der geschichtlichen und politischen Entwicklung begriff. Deren Analyse ist der rote Faden, der sich über das Ende der SI hinaus bis zu Debords Tod 1994 durch die Korrespondenz zieht.
Vom Algerienkrieg, der Machtübernahme de Gaulles und den Ereignissen um das Jahr 1968 über die politischen Krisen in Italien, Spanien, Portugal und Polen bis hin zum Ende der Sowjetunion werden geschichtliche Ereignisse auf ihre Bedeutung für die revolutionäre Bewegung befragt.

Pressestimmen

»Wer die kapitalistische Gesellschaft und ihre Hierarchien radikal kritisiert, so, wie Debord es im Auge hatte, sollte also vor radikaler Selbstkritik nicht zurückschrecken. Wie konsequent Debord diesen Anspruch umsetzt, erschließt sich bei der Lektüre seiner Briefe. […] In seiner Korrespondenz bedient sich Guy Debord jener großen gedanklichen Freiheit, die Verneinung im Allgemeinen und Definitionen ex negativo im Speziellen bieten. Für seinen Sprachwitz ist das Schreiben von einer “ruhmreichen Anti-Karriere” ein Beispiel. […] Loben wird man ihn dafür nicht wollen, darauf legte er schließlich keinen Wert. Doch lesen sollte man ihn trotzdem.« (Fabian Granzeuer, FAZ)

»Die deutsche Auswahl überzeugt, denn sie gibt einen guten Einblick in die ebenso chaotische wie legendäre Organisationsstruktur der S.I., in die Denk- und Arbeitsweise von Debord sowie in seine politischen Fehleinschätzungen und Irrtümer. […] Die Briefe belegen aber auch Debords “poetische Selbstinszenierung” (Roberto Ohrt), die ihm insofern zum Verhängnis wurde, als der konformistische Kulturbetrieb diese zum Nennwert nahm.« (Rudolf Walther, taz)

»Stellenweise ist Debords Versuch, den Triumph des Kapitalismus als konsequenten Verlust der Wirklichkeit unseres Lebens zu beschreiben, dunkel und vertrackt, und man tastet sich durch seine Formulierungen wie durch ein Gestrüpp oder einen nächtlichen Wald; doch davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Denn jäh tut sich dann wieder eine Lichtung auf – wenn Debord beispielsweise konkret beschreibt, wie die kapitalistische Derealisierung des Einzelnen sich auswirkt. […] Eine in jedem Fall lohnende, inspirierende Lektüre.« (Robert Mattheis, satt.org)

»Die nun in deutscher Übersetzung publizierten ausgewählten Briefe Debords bieten einen Parforceritt durch die Geschichte der mehr oder weniger revolutionären Erhebungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. […] Anhand der Briefe lassen sich die Geschichte der Situationistischen Internationale und die Positionierung Debords in ihr nachvollziehen. […] Probleme der situationistischen Kritik der ‘Gesellschaft des Spektakels’ treten zutage, die zugleich die Differenzen von Debords Überlegungen zur kritischen Theorie Theodor W. Adornos verdeutlichen, mit der sie oft verglichen wurden.« (Stephan Grigat, Neue Zürcher Zeitung)

»Da ist ein Mensch, der jeden Moment dazu verwenden wollte, das ‘echte Problem von Kultur und Leben’ zu lösen. ‘praktischer Umsturz des Ganzen oder nichts’, wie er es 1960 ungewöhnlich kategorisch ausdrückte. Bekanntlich war auch Debord mit diesem Ansinnen nicht erfolgreich. Dennoch enthalten die Briefe etliches von Wert, will man dieses Ziel weiter mit ähnlichem Eigensinn verfolgen. So gewähren sie eine Nahaufnahme der (dem genannten Vorhaben notwendig folgenden) Versuche – und Tücken – eines subversiven Zusammenschlusses jenseits von Partei, Gewerkschaft und sonstigen Institutionen. […] Die Briefe werfen auf längst vergessene Auseinandersetzungen Schlaglichter, die auch heute erhellend sind.« (Bernd Volkert, konkret)

»Es erstaunt, wie Debord gesellschaftliche und politische Entwicklungen erkannte und thematisierte, die heute in ganz Europa schier unlösbar scheinen und den tagespolitischen Diskurs dominieren.« (Alexander Edelhofer, skug)

»Überraschend ist zu lesen, wie viele radikale Ansätze bereits vor den sogenannten 68ern hier angedacht wurden. Wieder einmal ein Beweis dafür, dass die 68er eigentlich eher das Ende einer Epoche darstellen, weniger den Beginn, denn dieses, was den genannten immer wieder zugeordnet wird, wurde bereits 10 Jahre zuvor diskutiert.« (Knobi, Graswurzelrevolution)

»Debord, Lebenskünstler, Hegel-Exeget, Psychogeograph, anarchistischer Situationist und unbestechlicher Analytiker der spektakulären Selbstüberhöhung der kapitalistischen Gesellschaft, zeigt sich […] als unnachgiebiger Kritiker des modernen Unwesens, aus allem Neues machen zu müssen, was eigentlich sich erst im Zusammenleben hätte bewähren sollen. Er begleitet die Auswürfe seiner Zeit mit dem Gestus hellsichtiger Intellektualität bei gleichzeitigem Hang zur Allüre, die den französischen Bonvivant, nun ja, zum einen auszeichnet, zum anderen befremdlich werden lässt.« (Detlef Kannapin)