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New Yorker über ein Ein-Mann-Stück über Lester Bangs

»Though interest in Bangs seems to ebb and flow, I believe he is one of the most important critical writers of the last hundred years, and a singular stylist. (Like Jack Kerouac, Hunter S. Thompson, or David Foster Wallace, Bangs is hugely tempting to imitate, which means the field is perpetually muddied by a lot of subpar mimics in whose work rambling bravado is substituted for heart.) Bangs’s prose is loose and musical; each sentence attempts, in one way or another, to approximate its subject, to inhabit and express a particular rhythm, a beat. To read him is to behold someone trying, desperately, to get closer to something he cherishes, to hold it down long enough to marvel at it and love it more deeply.«
(Amanda Petrusich, New Yorker)
In der Edition Tiamat erschien von Lester Bangs »Psychotische Reaktionen und heiße Luft«

Leipziger Buchmesse

Vom 15. bis 18. März sind wir auf der Leipziger Buchmesse. Sie finden uns in Halle 5 am Stand E401.

Wiglaf Droste beantwortet den Tagesspiegel-Fragebogen

Daumen hoch!

1. Unverzichtbar

Liebe und Freundschaft, Luft zum Atmen, Liberté, Fraternité, Egalité. Mein Sohn, meine Eltern, meine Brüder. Die Frau, die ich liebe. Poesie und Musik, Champagner, Rouge, zweimal die Woche Pasta. Der Kater Domino.

2. Gern mal nackt in der Sauna sehen

Alle ohne Piercings und Tatoos sind willkommen.

3. Lieblingsort in Leipzig

Das Jugendstilviertel in Gohlis; hundert Meter von meiner Wohnung entfernt verbrachte mein Lieblingsdichter Joachim Ringelnatz seine spätere Kindheit und Jugend, und Schiller dichtete ein paar Meter weiter die Ode an die Freude. Das hebt und spornt an. Klassik ahoi!

4. Was ich jeden Tag essen kann

Brot mit Butter, Salz und Rosenpfeffer; Gemüsesuppe, Hühnersuppe mit viel Ingwer, frischen Fisch und Meeresfrüchte, gut nach Mäse stinkenden Käse aus Frankreich und Italien und alles, was nach dem schmeckt, was es ist. Ich habe sogar einmal Stierhoden zwangsprobiert, aber nach einem Bissen war es dann auch gut. Innereien habe ich selber genug, die muss ich nicht auch noch essen.

5. Ein Buch zum Verschenken:

Die Märchen der Brüder Grimm, herausgegeben und illustriert von Nikolaus Heidelbach. Gibt’s bei Beltz und Gelberg für zwanzig Tacken, obwohl es mehr als hundert wert ist. Ein Wort-, Bild- und Goldschatz. Und F.W. Bernstein! Ich zitiere aus “Frische Gedichte”: “Der Untergang des Abendlandes? / Grad wars’s noch da, und dann verschwand es.” Das erschien 2017 im Verlag Antje Kunstmann, die ein Leuchtturm in einer sich selbst timrennerhaft vernichtsenden und damit vernichtenden Branche ist.

6. Ein Lied zum Tanzen

“Sway”, gesungen von Dean Martin. Wuschiger geht es kaum.

7. Dieses Tier wäre ich gern

Machmal Siebenschläfer (mein Geburtstag), manchmal Schildkröte. Aber mein leider nicht mehr sterblicher Freund Harry Rowohlt hat mich einmal vor zirka 300 Leuten Publikum als “den singenden Hammerhai” bezeichnet, und damit bin ich sehr einverstanden. Das reicht für ein Leben.

8. Unterschätzer Autor

Albert Vigoleis von Thelen. Wer “Die Insel des zweiten Gesichts” nicht mit Gewinn gelesen hat, sollte sich über Romane besser nicht äußern.

9. Zauberhaftes Instrument

Das Klavier, als Piano, Schifferklavier oder Orgel. Da ist alles drin, die ganze Seele des Menschen. Ich übe jeden Tag zwei Stunden; mögen die Nachbarn im Haus es mir vergeben.

10. Meine liebste Platte

Sauschwere Frage, aber nach 40 Jahren immer noch und immer wieder “Before the Flood” von Bob Dylan und The Band. Und alles von Johnny Cash und Tom Petty. Und Bach und Händel undundundund.

11. Schönes Wort im Deutschen.

Kuscheln. Muscheln. Dösen. Ramentern. Ente Lippens. Quakernack. Kotzkanne. Manfred. Schwammbuckel.

12. Himmlische Stimmen

Cindy Lauper. Dean Martin. Harry Rowohlt. Gerd Heidenreich. Friedhelm Ptok. Danny Dziuk. Meine eigene; dank Uschi Brüning, Adelheid Vogel und Ralph Schüller entwickelt sie sich. Ohne Engel bleibst du’n Bengel.

13. Höllische Stimmen

Schäuble, Söder, Hitler, Goebbels, Martin Luther, AfD.

14. Lieblingskleidungsstück

Oben Borsalino. Zum Glück habe ich noch einige wunderschöne; als ich die Nachricht von der Insolvenz dieser mich prägenden Firma bekam, fühlte ich mich unbehütet verkühlt. Unten geben die von einer Freundin selbstgestrickten schwarz-gelben Wollsocken ein Fundament.

15. Wenn Sport, dann

BVB kucken! Und ab und zu im Meer schwimmen. Oder wenigstens im See.

16. Da möchte ich mal hinreisen

Ein drittes Mal nach Havanna, als Castrosoph.

17. Für einen Tag wäre ich gern mal

Eine Frau mit schönen Brüsten. Da hätte ich wunderbar zu tun.

18. Fußballer zum Angkucken

Pierre-Eric Aubameyang beim Salto nach dem Tor. Und sowieso immer, auch im Pelz seiner Frau.

19. Zuletzt hat mich gefreut

Dass mein Sohn, ausgebildet von Vincent Klink, in Marseille auf drei Sternen kocht. Dass der BVB wieder Leben zeigt, die Edition Tiamat von Klaus Bittermann grossartig arbeitet und ich für seinen achtjährigen Sohn Guy das Buch “Der Pirat ohne Holzbein” schreiben konnte. Dass ich jeden Tag in der ‘jungen Welt’ kolumniere. Und dass mein Lieblingsfotograf Axel Martens endlich ein Buch rausgehauen hat.

5 Dinge, die ich mag:

Ich sag mal sechs:

Die Gitarren von Friedrich Küppersbusch, Ralph Schüller und Lea Joy, wenn wir – in unterschiedlichen Zusammensetzungen – musizieren.

Mein Klavier.

Meine Bibliothek – alles von Ringelnatz, Hacks, Krüss, Fauser, Hergé, Goscinny, Hammett, Chandler, Heidelbach, Klink und allen anderen, die mich ermuntern.

Gute Lesebrillen.

Saunaaufgüsse, die richtig prickeln.

Mein gültiger Reisepass.

Daumen runter!

1. Braucht kein Mensch.

Socken, die mit “links” und “rechts” beschriftet sind. Antisemitismus. Die Grünen, die FDP,  SPD und AfD. Computer.

2. Nie in der Sauna treffen

Leute, die beim schwitzen schwatzen.

3. Hässlich in Leipzig

Die Glatzen – bitte alle nach Dresden, da ist euer Heimspiel.

4. Kommt mir nicht auf die Zunge

Das Lügenwort “Team”, das erstens so tut, als gäbe es die Hierarchie nicht, die es aber gibt, und die zweitens den Dummplumpen jederlei Geschlechts ein MitbeStimmrecht verleiht, das sie zur Fortbildung und Vervoll- und Verfolgständigung ihrer Verblödung anstachelt.

5. Das schlimmste Geschenk, das ich je bekommen habe.

Eine halbmeterhohe Pfeffermühle. Mit einem Baseballschläger vermag ich nicht zu würzen.

6. Lied zum Einschlafen

Lullabys gibt es viele; “Downtown Train” und “Waltzing Matilda” von Tom Waits, gesungen von Rod Stewart, machen Menschen mit Gehör glücklich genug, um Schlaf zu finden. Ansonsten “Silly Wizard” hören, The Best Scottish Band ever.

7. Dieses Tier darf aussterben:

Die Wespe. Wenn sie die Zecke gleich mitnähme, wäre es noch besser. Umgekehrt wäre es mir auch recht.

8. Überschätzer Autor

Da gibt es so viele. Pars pro toto aus dem Lottotopf Feiri Ultra alias Feridun Zaimoglu. Reines Feuilleton, passt arschhaargenau in die aufblasar deutschtürkische Landsmannschaft.

9. Blödes Instrument

Außer der Blockflöte ist mir keines bekannt; es gibt allerdings viele Stümper, die schönen Instrumenten nichts zu entlocken wissen, und tut das weh. Notorische Park- und Strassentrommelei ruft dann die Trommelfellpolizei herbei.

10. Platte für die Tonne

Meine Lieblingsmusikredakteurin und Akkordeonistin Heidi Eichenberg sprach immer von “Rumänientonne”; alles von Peter Maffay und Blumfeld kam da rein, und sie zielte und zielt immer richtig.

11. Scheußliches Wort im Deutschen

Es gibt so viele; aktuell sind “Nachhaltigkeit”, “Transparenz”, “Entschleunigung” und “Achtsamkeit” die zuverlässigsten Brechmittel. Nachfolger werden sich aber finden; unsere Akademiker arbeiten zwar nichts, bleiben aber nicht ohne Beschäftigungszwang und Wirkungsdrang.

12. Was bringt Sie zur Verzweiflung?

Die Entschlossenheit zum Nichtverzweifeln war immer das Rückgrat meines Lebens. Es gibt aber auch berechtigte Zweifel. Alleine kann man die Welt nicht retten, mit Glück sich selbst und vielleicht einige andere, und man kann ermutigen. Das kostet volle Kraft voraus, und die Übermacht der Brutalität, der Gedächtnis- und Gewissenlosigkeit ist niederschmetternd. Man muss es mit dem Herzen ein Boxers sehen: Lass dich bis neun anzählen und dann steh auf und gib, was noch drin ist. Das ist immer noch besser als die Freizeit-Party-Gülle, die in den Ventilator geworfen wird, der sich Gesellschaft nennt.

13. Wer und was ist denn schlechte Gesellschaft?

Alles, was zerstreut, eigenes Denken durch Despotie, Bestimmung und Kontrolle zerstört, alles Anonyme. Ich will eine persönliche Welt für jeden, der sich ihr würdig erweist, sie kennenlernt und sie nicht ausbeutet und zertrampelt.

14. Steht mir nicht

Krawatte, passenderweise auch Schlips genannt. Garotte ist das passende Wort dafür.

15. Kein Sport für mich

Schrankwandhandball. Ich war in Kindheit und Jugend jahrelang in der Verteidigung Vorgezogener (also eine Art Libero) und vorne Kreisläufer, nicht besonders gut, aber schnell. Vierzig Jahre später sind die Folgen Arthrose in beiden Knien und kaputte Ellenbogen. Das ging aber über lange Zeit; die heutigen Handballer können sich das in einem Spiel einhandeln. Fair Play gab es nie; jetzt, wo es dauernd ausgerufen wird, ist es Null Ouvert. Das schöne Wort “Spiel” spielt in einer sponsorendiktierten Welt keine Rolle.

16. Reise ich nie wieder hin

In die Türkei, aber da war ich sowieso noch nie. Schade; Istanbul hätte ich gern durchstreift, aber das geht nicht mehr. Wer Oeli Bratvan alias Erdal Rex besuchen will, mag das tun und sich zugunsten von Deniz Yücel austauschen lassen. Der muss da, wie alle anderen vom Größenwahn Inhaftierten, jedenfalls raus.

17. In die Haut möchte’ ich nie schlüpfen

In die von Böhmermann, Silbereisen, Helene Fischer und Milliarden anderer.

18. Fußballer zum Weggucken

Alle bei Bayern München, außer deren Ex Mehmet Scholl, der seine Sache gut macht. WolfsBurger will auch keiner sehen oder essen, und der HSV, laut Harry Rowohlt “ein Tennisverein mit Fussballabteilung”, ist für die Kreisklasse noch zu unansehnlich.

19. Zuletzt hat mich geärgert

Mich zu ärgern haben mir meine Ärztin und mein Verstand verboten; der schlüpfrig-schleimige Umgang mit den AfD-Nazis ist allerdings irritierend (das kommt von Ira = Zorn). Die mediale Welt hat sich mülltonnisiert und versucht, die reale mit in den Abgrund zu zerren. Schon der der Versuch ist schamlos; man kann sich nur entscheiden, ob man widerstehen oder verschwinden will. Noch bin ich da, und andere sind es auch.

20.

5 Dinge, die ich nicht mag

Nur fünf ? Also gut:

Dummheit, die auf sich noch stolz ist, also Jaspervonbockumismus.

Naseweises Gequake von RTL-Gafferinnen.

Nach Altöl stinkende Imbissbuden.

Franchising.

Den Kapitalismus in seiner derzeitigen menschenzerquetschenden Form.

Wolfgang Pohrt, Werke in 11 Bänden – Editionsplan

Über 40 Jahre hat Wolfgang Pohrt viele wichtigen Debatten in der linken, linksliberalen, bürgerlichen und feuilletonistischen Öffentlichkeit mit seinen brillanten Kulturkritiken und Gesellschaftsanalysen beeinflusst, zugespitzt und dabei in der Regel alle gegen sich aufgebracht. Zeit also, die z.T. schon lange vergriffenen Bücher zusammen mit Unveröffentlichtem in einer Werksausgabe, herausgegeben von Klaus Bittermann, neu zugänglich zu machen.

Erscheinungsweise halbjährlich

Unterstützen Sie den Verlag und subskribieren Sie die 11 Bände direkt beim Verlag: mail@edition-tiamat.de

Editionsplan

Bd. 1: Theorie des Gebrauchswerts, 1976, überarbeitete Fassung von 1995, erweitert um eine Vorbemerkung, Nutzlose Welt und Vernunft und Geschichte bei Marx.

Bd.2: Ausverkauf (1980) und Endstation (1982) und frühe Schriften aus den Siebzigern. Erscheint Herbst 2018. Ca. 500 Seiten, ca. 24.- Euro

Bd. 3: Balzac. Der Geheimagent der Unzufriedenheit (1981, in der erweitereten Fassung von 2012). Erscheint Frühjahr 2018

Bd. 4: Kreisverkehr, Wendepunkt & Stammesbewußtsein, Kulturnation (1984) und andere unveröffentlichte Texte (1982-1984). Erscheint Frühjahr 2019. Ca. 450 Seiten, ca. 24.- Euro

Bd. 5: Geisterzeit, Geisterzeit (1986) & Ein Hauch von Nerz (1989) und andere unveröffentlichte Texte (1984-1989). Erscheint Herbst 2019). Ca. 450 Seiten, ca. 24.- Euro

Bd. 6: Der Weg zur inneren Einheit. Elemente des Massenbewußtseins, BRD 1990 und andere Texte. Ca. 500 Seiten

Bd. 7: Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit und andere Texte aus 1990-1992. Ca. 400 Seiten

Bd. 8: Harte Zeiten (1994) und FAQ (2004) und andere Texte 1992-2003. Ca. 350 Seiten

Bd. 9: Brothers in Crime. Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit & Interviews 1996. Ca. 300 Seiten.

Die arte-Sendung Tracks über das “Wellness-Syndrom”

Die arte-Sendung Tracks am 15.12. widmete sich ausführlich dem “großen Übel der Gesunden”, dem Wellness-Syndrom. Die Sendung in der Mediathek:

Teil 1: ->
Teil 2: ->
Teil 3: ->
Teil 4: ->

Stefan Gärtner in der Titanic über Wolfgang Pohrts “Das Jahr danach”

»In einem jener Bücher, die zum festen Bestandteil politischer Bildung in diesem Land gehören sollten (und es, versteht sich, genau darum nicht tun), in Wolfgang Pohrts „Das Jahr danach“ aus dem Jahr 1992, läßt sich unvergeßlich nachlesen, daß der Ausländerhaß in den Ostgebieten seinen Ursprung in der Projektion hat, mittels deren sich die DDR-Bevölkerung die Scham über die eigene Schamferne von 1989f. vom Hals schaffte.« mehr hier ->