Klaus Bittermann im Gespräch mit David Hellbrück über Wolfgang Pohrt

Klaus Bittermann im Gespräch mit David Hellbrück über Wolfgang Pohrt und seine Werkausgabe. Veröffentlicht in der gerade erschienenen Sans Phrase:

»Die Leute sagen mir, was sie denken, und ich sage ihnen, warum das falsch ist«

Vor ein paar Jahren erlitt Wolfgang Pohrt einen Schlaganfall, von dem er sich bis dato leider nicht mehr erholte. Seitdem spielte Klaus Bittermann mit der Idee, die Schriften Wolfgang Pohrts im Rahmen einer Gesamtausgabe zugänglich zu machen, was unter anderem auch der Anlass des folgenden Gesprächs über Wolfgang Pohrt war. Der andere Grund für das Gespräch ist der, dass Klaus Bittermann dankenswerterweise sans phrase einen bislang unpublizierten Vortrag Wolfgang Pohrts zur Veröffentlichung überließ. Das vorliegende Gespräch wurde Ende Mai/Anfang Juni 2018 per E-Mail geführt.

David Hellbrück: Den Einstieg in ein Gespräch über Wolfgang Pohrt zu finden, der ja nicht nur ein glänzender Polemiker, sondern auch ein Meister des Selbstinterviews und ein exzellenter Kritiker seiner Gesprächspartner ist, fällt mir zugebenermaßen schwer. Darum: Welche Frage würdest du dir zuerst stellen?
Klaus Bittermann: Das ist ja eine hinterlistige Frage, aber ich bin kein so begnadeter Selbstinterviewer wie Pohrt, der diese Methode anwendete, um Schreibblockaden aufzulösen und unter »Pohrt antwortet« in Konkret in den 90er Jahren eine Kolumne hatte. Auch das vorletzte Buch »Kapitalismus Forever« ist ein wenig so entstanden. Er hat sich zunächst von mir nur unter der Voraussetzung überreden lassen, dass ich ihm Fragen stellte, die in der politischen Situation damals gerade durchgekaut wurden. Nachdem das Frage- und Antwortspiel ungefähr 20 Mal hin- und hergegangen war, lagen wir uns bereits in den Haaren, weil Pohrt den Interviewer immer auch als etwas sah, an dem sich das Geheimnis der Welt entschlüsseln ließ. Und deshalb konnte es nicht funktionieren, weil ich nicht unbedingt repräsentativ für eine Entwicklungstendenz in der Gesellschaft bin, das heißt er übte sich, wie du sagst, als »Kritiker seines Gesprächspartners« und ich kann nicht behaupten, dabei gut weggekommen zu sein. Aber immerhin hat ihn das angeschoben, und da es sowieso viel zu langsam ging, bis er von mir die nächste Frage bekam, machte er dann eben allein weiter. Und siehe da, es wurde gut. Finde ich jedenfalls.
Für viele war die Veröffentlichung von »Kapitalismus Forever« eine Enttäuschung, weil sich Pohrt da wie immer nicht so verhielt wie erwartet. Guillaume Paoli meinte sogar: »Ehrlich gesagt ich fand das Buch schwach bis schwachsinnig, der ewige Monolog eines desillusionierten alten Mannes, der aber eines von seiner linken Jugend beibehalten hat: das Bedürfnis, über alle Themen eine definitive Meinung mitzuteilen. Selbst wenn manche Stellen lustig sind, ähnliches und gar besseres bekomme ich in der Kneipe.« Wo sich mir die Frage stellt: In welche Kneipe geht Guillaume Paoli? Im Übrigen hat sich Pohrt sicherlich nicht zu jedem und allem geäußert, aber wenn er sich zu Wort meldete, dann war sein Statement dezidiert.
Für manche Leute bedeutet Theoretisieren immer nur, auf der sicheren Seite des ideologischen linken Mainstreams zu surfen, für Pohrt hingegen war Denken immer auch etwas, das »gefährlich« sein konnte. »Denken ohne Geländer« nannte das Hannah Arendt. Oder anders gesagt, seine Argumente resultierten aus einem Denken, das auf keine einmal gewonnene Erkenntnis Rücksicht nahm und liebgewonnene Meinungen auseinanderpflückte, auch wenn man dabei Gefahr läuft, sich im Laufe der Zeit einmal zu widersprechen. »Die Leute sagen mir, was sie denken, und ich sage ihnen, warum es falsch ist«, sagte er einmal in einem Interview. Inzwischen aber, und da kommen wir wieder auf Guillaume Paoli zurück, ist man »in der BRD in eine Phase eingetreten, in der es kein falsches Bewusstsein, sondern die Absenz jeden Bewußtseins überhaupt gibt …« Gut, das hat er zwar in seiner Zeit als Ideologiekritiker in den 1980ern gesagt, aber das trifft heute umso mehr zu.
D. H.: Wenn wir schon einmal dabei sind … In den 1980er Jahren war Pohrt der linken Öffentlichkeit präsenter denn je, insbesondere durch seine luziden Kritiken an der deutschen Friedensbewegung, seiner Kritik des Antiamerikanismus, aber auch mit Schriften, die den Gewaltverzicht der Grünen als Einfühlung in den deutschen Staat überführten – vor allem in Artikeln für die Zeitschrift Konkret. Seit 1984 veröffentlichte Pohrt dann ausschließlich, wenn ich mich nicht irre, bei Edition Tiamat. Wie kam es dazu und wie hast du Pohrt kennengelernt?
K. B.: Präsent war Pohrt in der linken Öffentlichkeit nicht nur, aber vor allem deshalb, weil er in der Zeit mit seinem Artikel »Ein Volk, ein Reich, ein Frieden« und der darin vertretenen These, dass aus der Friedensbewegung eine »deutschnationale Erweckungsbewegung« geworden sei, die gesamte linksliberale Öffentlichkeit gegen sich aufbrachte, aber auch die linksradikale, wenn man Hermann L. Gremliza als einen Vertreter dieser Bewegung sehen will. Die Zeit hatte nämlich vermerkt, dass dieser Artikel von Konkret abgelehnt worden sei, und Henryk M. Broder berichtete später in seiner Rezension von »Endstation« (dem zweiten Buch Pohrts) im Spiegel, Gremliza habe ihm gesagt, was Pohrt jetzt schreibe, sei »einfach skandalös«. War bei der Zeit noch eine gewisse Befriedigung zu erkennen, erschraken die Redakteure vermutlich ziemlich über die ablehnenden Reaktionen der Zeit-Leser. Aber der Artikel machte dadurch, dass er in der »Zeit stand, mehr Furore, als wenn er in der Konkret erschienen wäre, auch wenn das Blatt damals noch eine große Verbreitung hatte und nicht die sektenhafte Existenz von heute führte. Es spielte also eine entscheidende Rolle, wo die Artikel Pohrts erschienen. Und da sie außer in der Zeit auch im Spiegel, der Frankfurter Rundschau (damals noch das führende Blatt der Intellektuellen), der taz erschienen, er sogar in Diskussionsrunden im Fernsehen auftrat, war er weit über die linken Kreise hinaus bekannt.
Man darf sich über den Verbreitungsgrad seiner Bücher allerdings keine Illusionen machen, da er ziemlich angefeindet wurde. Selbst in der Hochzeit, als Wolfram Schütte und Henryk M. Broder große Elogen auf ihn schrieben, verkauften sich von »Ausverkauf« (dem ersten Bändchen bei Rotbuch) gerade mal 7000, zu einer Zeit, da die Rowohlt Aktuell-Bändchen im sechsstelligen Bereich über den Ladentisch gingen. Das sollte danach nie wieder so werden. Pohrt hatte mit seinem ersten Erfolg den größten auch gleichzeitig hinter sich.
Die Debatte um ihn, die beiden Bändchen bei Rotbuch und seine Artikel las ich mit großer Begeisterung, weil Pohrt nicht nur elegant schrieb, sondern auch auf eine andere Weise argumentierte als man das damals von den KP-Kadern oder den Friedensfreunden gewohnt war. Und er war ungemein lustig und treffend. Er hatte eben einen viel größeren Horizont als den, den man von den Linken kannte. Ich wartete damals schon gespannt auf sein nächstes Büchlein bei Rotbuch, und als sich da nichts tat, nahm ich mir ein Herz und schrieb ihm, ob er sich vorstellen könne, bei Tiamat zu veröffentlichen. Viel vorzuweisen hatte ich damals noch nicht, aber ich hatte gerade eine furiose Polemik von Annie Le Brun gegen die Frauenbewegung publiziert und legte diesen Titel meinem Schreiben bei. Ob diese Referenz etwas half, weiß ich nicht, aber er sagte sofort zu, weil er sich mit Rotbuch überworfen hatte. Ich besuchte ihn dann im Sommer 1983 in Hannover und wurde sein Verleger. Er gab dem Verlag ein Profil, und durch ihn kam ich in Kontakt mit Eike Geisel, Broder und Christian Schultz-Gerstein, von denen dann in der Folgezeit ebenfalls Bücher bei Tiamat erschienen. Seit dieser Zeit sind dann alle Titel von Pohrt bei Tiamat erschienen, bis auf »Der Weg zur inneren Einheit. Elemente des Massenbewußtseins BRD 1990«, seine Studie, die er im Auftrag von Jan Philipp Reemtsma erstellte.
D. H.: Ist Pohrts Durchbruch demnach also nur vor dem Hintergrund der damaligen Linken, dem jähen Ende der K-Gruppen in den späten 1970er Jahren, aber auch dem Einsetzen des zunehmend links-liberalen Selbstverständnisses, eines zu sich gekommenen, endlich geläuterten Deutschlands, das Auschwitz hinter sich lassen wollte, zu verstehen? Vielleicht könntest du hierfür nur ganz grob die Debatten, die damals öffentlich verhandelt wurden, skizzieren, damit die Reaktionen jener getroffenen deutschen Hunde, die ja insbesondere durch Pohrts treffsichere Wortwahl hervorgerufen wurden, noch einmal deutlich werden?
K. B.: Von einem »Durchbruch« würde ich nicht sprechen, aber wahrscheinlich war die Zeit tatsächlich reif für jemanden wie Wolfgang Pohrt, der der neuen Friedens- und Antiatomkraftbewegung als Massenbewegung skeptisch gegenüberstand, weil deren Motive nicht mehr die Ungerechtigkeiten auf der Welt wie zum Beispiel das Bombardement in Vietnam, sondern eben ganz andere waren, und da ging es um das Überleben der eigenen Spezies, das heißt man sah sich als »Volk« gefährdet. Damals demonstrierte die Friedensbewegung gegen die Pershings, die in Deutschland stationiert werden sollten, und sehr schnell klangen nationalistische Untertöne mit, die in der damaligen Diskussion kaum auffielen, ja sogar normal wurden. Pastor Albertz, damals eine zentrale Figur, machte aus der BRD, die den Linken einmal als »Hauptnutznießer und Juniorpartner des US-Imperialismus« galt, nun ein unschuldiges Opfer der USA, eine »Kolonie« und ein »besetztes Land«, das es zu befreien gelte, das heißt in der Linken wurden Patriotismus und Nationalismus salonfähig. Und das hatte wiederum Auswirkungen auf alle möglichen anderen gesellschaftspolitischen Themen in der BRD. Der Elterngeneration, die man früher als Nazis bekämpfte, konnte vor diesem Hintergrund Verständnis entgegengebracht werden, denn sie hatten schließlich auch gegen die Besetzung ihres Landes durch die Amerikaner gekämpft. Lange bevor die Nazivergangenheit einiger Funktionäre der Grünen aufgedeckt wurde, hatte Pohrt bereits auf die strukturellen Ähnlichkeiten der Grünen- und der Nazi-Ideologie hingewiesen, und zwar nicht nur auf die äußeren Übereinstimmungen, die in der Zurück-zur-Natur-Vorstellung liegen, sondern hinsichtlich der psychologischen Verfasstheit solcher Leute mit Sekundärtugenden, die sie auch dazu befähigt hätten, ein KZ zu leiten. Natürlich spielte da auch eine Rolle, dass man in Deutschland versuchte, Auschwitz anders zu interpretieren. Auf der einen Seite verwechselte man hierzulande häufig die industrielle Vernichtung von Menschen mit einem großen Massaker, indem beispielsweise der NATO-Einsatz in Jugoslawien in den 1990ern vom damaligen Außenminister Joschka Fischer mit Auschwitz begründet wurde, der damit nur auf eine vorgefundene Argumentation der alten Linken zurückgreifen musste, auf der anderen Seite kehrte Auschwitz auf ganz verrückte Weise in die Argumentation der Linken zurück, die inzwischen zu Freunden des palästinensischen Befreiungskampfes geworden waren, indem sie sagten: Der Massenmord an den Juden verpflichtet uns, darauf aufzupassen, dass das Opfer nicht rückfällig wird, das heißt der Täter sah sich selbst als Bewährungshelfer gegenüber den Juden. Niemand hat in den damaligen Kommentaren, die den Ton der gesellschaftlichen Debatte bestimmten, diese immer mitschwingende Bedeutung so gut sichtbar gemacht wie Wolfgang Pohrt. Natürlich hat das die Leute, die man übrigens nicht als »Hunde« bezeichnen sollte, weil diese unspezifische Herabsetzung keinen Erkenntnisgewinn bringt, sehr geärgert und sie haben sich tödlich beleidigt gefühlt, was sie nicht daran gehindert hat, munter weiterzumachen.
D. H.: Dass meine Aussage vom »getroffenen deutschen Hund« eine Anspielung auf jene Redensart ist, die besagt, dass getroffene Hunde eben bellen, ist in meiner Frage durchaus evident. Aber ich wollte damit nicht nur auf eine Redensart flapsig anspielen, sondern eher die Reaktionsweise ausdrücken, wie man auf Pohrts Kritiken, in einem Reizreaktionsschema befangen, sozusagen ‚hündisch‘ reagierte. Wobei jedem Tierschützer bei meiner Charakterisierung des Hündischen die Hutschnur platzen dürfte, weil kein Hund etwas für dieses Abwehrverhalten der Deutschen kann, genauso wenig wie das Rindviech etwas fürs Blöken seiner Mitmenschen. Man kann allerdings schon von einem »Erkenntnisgewinn«, was ich allerdings nicht behaupten würde, weil Erkenntnis schlicht nicht summierbar ist, sprechen, da Pohrt es durch bloßen Text immer wieder schaffte, Rechte und Linke gleichermaßen aus der Reserve zu locken und damit, so verschieden die Reaktionen gewesen sein mögen, die innige Verbundenheit trotz aller scheinbaren Polarität zwischen Rechts und Links, beispielsweise in der Frage nach der Wiedererlangung deutscher Souveränität, vorzuführen.
Mit einigem Abstand betrachtet, liest sich das dennoch alles wie aus einer anderen Zeit … Findest du nicht?
K. B.: Dass es eine Anspielung und eine Redewendung ist, macht die Sache nicht schöner. Aber es stimmt natürlich, dass Pohrt es immer wieder schaffte, die Leute aus der Reserve zu locken und ihre Beißreflexe zu aktivieren, um im Bild zu bleiben, wobei die Rechte die Kritik weniger interessiert hat, jedenfalls ist mir jetzt kein Beispiel bekannt, dass dezidiert Rechte sich über Pohrt in der Öffentlichkeit aufgeregt hätten. Und sie waren ja auch gar nicht primär das Ziel, vielmehr war das Ziel, die rechte Gesinnung bei den Linken aufzudecken, in ihren Denkstrukturen herauszufinden, warum sie antisemitisch waren, obwohl sie das vehement abstritten, was es mit ihrem Antiamerikanismus auf sich hatte und was die Entdeckung der Nation für sie bedeutete. Pohrt hat sich das nicht aus den Fingern saugen müssen. Er war vielmehr ein aufmerksamer Leser der Verlautbarungen der neuen Bewegungen, um ihnen zu sagen, was daran falsch ist. In diesem Sinne war er ein klassischer Ideologiekritiker, aber diese Rolle wollte er ab einem bestimmten Punkt nicht mehr einnehmen.
Dass sich heute alles wie aus einer anderen Zeit liest, liegt quasi in der Natur der Sache. Es handelt sich schließlich um Artikel und Texte, die versuchten, den neuen Trends in der Gesellschaft auf die Schliche zu kommen, und diese Gesellschaft war nun mal die Gesellschaft der 80er Jahre. Aber wenn man mal von der einen oder anderen Person absieht, die heute zu Recht vergessen ist und die kaum jemandem mehr etwas sagt, sind die Texte erstaunlich frisch, weil immer wieder Haltungen und Vorstellungen kritisiert werden, die ja auch heute noch ihr Unwesen treiben.
Erstaunlich aktuell beispielsweise sind einige seiner Texte über die Ausländerfeindlichkeit, also über die Angst der Linken, die zwei Millionen in Deutschland lebenden Ausländer könnten sich so sehr aus dem Topf fürs Arbeitslosen- und Sozialhilfegeld bedienen, dass für einen nichts mehr übrig bleiben würde, außerdem würde man deren Kultur nicht verstehen, weshalb man es gut fände, wenn der Zuzug von der Bundesregierung beschränkt werden würde, wie das mal in einer Wohngemeinschaftsküche diskutiert und anschließend von der taz dokumentiert wurde. Und plötzlich sieht man, wie sich Ereignisse und Diskussionen wiederholen, nur kann man leider nicht mehr sagen, einmal als Tragödie, dann nochmal als Farce. Es bleibt einfach eine Farce, aber eine, die im Vergleich zu damals leider schlimmer geworden ist, denn der offen rechtsradikale Teil der Bevölkerung hat in der AfD eine organisatorische Struktur und in der öffentlichen Debatte einen Resonanzboden gefunden, nicht zuletzt in solchen Diskussionen, wie sie damals geführt wurden.
Im Übrigen hat wahrscheinlich keiner mehr als Pohrt dieses Zeitproblem reflektiert. Er war sich darüber klar, dass dieses gnadenlos für den Tag Schreiben, aber auch die Analyse eines bestimmten historischen Moments immer einen zeitlichen Kern hat, weshalb er damit rechnen musste, dass auch an seinen Aussagen der Zahn der Zeit nagt. Als beispielsweise die Bundesregierung im Jahr 2000 mittels Massenmobilisierung gegen Ausländerfeindlichkeit in Berlin zum Aufstand der Anständigen aufrief, interpretierte Pohrt diese Politik als eine Art Präventivschlag, um unbehelligt ein Programm zur Verelendung der Massen durchziehen zu können. Er schrieb: »Antisemiten und Rassisten werden beschimpft, weil man sie benötigt. Sie werden gebraucht, weil sie sowas wie der Dreck sind, an welchem der Saubermann zeigen kann, dass er einer ist. Sie werden gebraucht, damit Schröder die von ihm geführten Raubzüge der Elite als Aufstand der Anständigen zelebrieren kann. Sie werden gebraucht, weil die Ächtung von Antisemitismus und Rassismus das moralische Korsett einer Clique sind, die sich sonst alles erlauben will, jede Abgreiferei, aber wie jeder Verein für ihren Bestand Verbote und Tabus benötigt.« Großartig, oder?
D. H.: Ja, für die damalige Zeit mag das teils schon zugetroffen haben, wobei ich die Rede von einer rot-grünen Elite tendenziell problematisch finde, weil sie dazu einlädt, ein anti-elitäres Gefühl, das sich allzu oft nur gegen ‚Die da oben‘ richtet, zu bebauchpinseln. Ich würde den Aufstand der Anständigen nicht ausschließlich darauf reduzieren, dass sich Schröder und andere als Saubermänner ins rechte Licht rücken wollten, um damit anschließend ein soziales Verelendungsprogramm namens Hartz 4 zu rechtfertigen.
Denn es ist ja nicht bloß die Folge einer Politik einer verkommenen Elite, die als herrschende Kaste die Abgehängten deswegen stigmatisiert, um dann ein Massenverelendungsprogramm durchzusetzen, sondern es liegt vielmehr im Wesen des Staates und der Politik selbst, dass das für das Kapital unproduktive Leben mit staatlichen Alimenten nur solange versorgt wird, wie der Souverän tendenziell dazu bereit ist, das zu leisten; was in der Regel heißt, dass er das nur solange macht, wie es Mehrwert gibt. Darauf haben sich alle Parteien, und das gilt insbesondere auch für die ‚Protestparteien‘, spätestens dann geeinigt, wenn sie Staat und Politik als Form akzeptieren und in ihrem Sinne im Interesse des Gemeinwohls handeln. Die lächerlich kleinen Nuancen zwischen Linkspartei und sagen wir CDU oder SPD werden gerade in der Flüchtlingspolitik überdeutlich und bestehen bis heute weitestgehend darin, dass die einen nur im Winter nicht abschieben wollen, wohingegen Abschiebungen im Sommer scheinbar für alle in Ordnung sind. Was die AfD in der Regel zu dem Thema sagt, ist nur das immer schon stillschweigend in der Politik Vorausgesetzte, was die Souveränisten sich halt erlauben öffentlich auszusprechen. Dass der Staat ohnehin bereits immer in Obergrenzen ‚denkt‘, er dort nur seiner eigenen Logik folgt, gerät mit der Fokussierung der Linken auf die AfD allzu leicht ins Hintertreffen.
Was ich damit sagen will, ist: Es herrscht eine Liaison zwischen Rinks und Lechts, die in Staat und Politik Hochzeit feiert. Doch die Form Staat, die Form Politik wird nicht kritisiert, was die moralinsaure Empörung über Eliten und Regierende womöglich obsolet machen würde, weil erkannt werden könnte, dass soziale Verelendungsprogramme eben auch nur Optimierungsprogramme bundesdeutscher Geschäftsordnung sind, worüber im Bundestag weitestgehend Einigkeit herrscht, da sie im Interesse des Gemeinwohls durchgesetzt werden müssen; nur darüber wie die Geschäftsordnung optimiert werden soll, herrscht Uneinigkeit.
In letzter Zeit hat sich das Blatt ein wenig gewendet: Die aktuelle schwarz-rote Bundesregierung sieht sich ja heute eher in einer Defensivhaltung gegenüber den Souveränisten der AfD, Pegida und anderen Rechten, die vor allem Angela Merkel zum Vorwurf machen, durch die »Grenzöffnung« im Jahre 2015 die Souveränität Deutschlands aufgegeben, das Volk oder wahlweise auch den polizeilichen Grenzschutz damit verraten zu haben, wobei niemandem auffällt, dass die Bundeskanzlerin, gerade weil sie über die vorübergehende Grenzöffnung verfügte, sich als Souverän ex post präsentierte und damit gerade nicht die Souveränität Deutschlands untergrub.
Wenn man sich jetzt die zuletzt zitierte Passage Pohrts noch einmal vor Augen führt, bin ich mir nicht ganz sicher, ob man dann nicht eher geneigt ist zu sagen: »Ja, Pohrt, der hat vorausgesehen, dass die Elite sich durch ihren antirassistischen Kurs in den Staatsapparat einfühlt und durch die Agenda 2010 hat man sich vorübergehend den Pöbel vom Halse geschafft und dieser beginnt sich mit Pegida und AfD widerständig zu formieren. Denn in der AfD kann ich nicht ausschließlich Antisemiten und Rassisten sehen, sondern vor allem auch jene Abgehängten, die ihre Sorge über den Islam zum Ausdruck bringen, weil die Elite es nicht schafft, darüber angemessen zu verhandeln.« Das alles halte ich zweifelsfrei für falsch, weil sich hier vor allem der anti-elitäre Duktus verselbstständigt und man sich damit ein Ressentiment zu eigen macht, um letztendlich die Volkssouveränität gegen ‚Globalisten‘ und Elite in Anschlag zu bringen, statt beispielsweise konkret die Lage der Juden in Deutschland zu fokussieren oder zu erkennen, dass es überhaupt nicht die ökonomisch Abgehängten sind, die die AfD wähl(t)en. Solche Reden, die ja nicht mehr nur aus der Ecke Jürgen Elsässers ertönen, bejubeln in letzter Konsequenz die Volkssouveränität und leisten wiederum Antisemiten Vorschub, die den Verrat am ganzen Volke durch den vermeintlich vaterlandslosen, keine Heimat findenden ‚Juden‘ insinuieren.
Pohrt, der freilich nicht behauptete, dass die von ihm so bezeichnete Elite Volksverrat übe, sondern vielmehr im Sinne der Klassenherrschaft agiere, könnte man für solch eine Argumentation durchaus fruchtbar machen, meinst du nicht?
K. B.: Ich habe da eine andere Herangehensweise an den Text von Pohrt und dieses Zitat. Zunächst hat Pohrt da nichts »vorausgesehen«, sondern lediglich vorgefunden. Und was er damit zum Ausdruck brachte, ist für mich der Gedanke, dass die staatliche Inszenierung gegen Rassismus und Antisemitismus nicht einfach nur gut und prima ist, sondern dass die Elite damit auch etwas bezweckt. Das heißt ein gewisses Misstrauen ist da angebracht, und das war ja auch grundsätzlich Pohrts Methode, die Motive derjenigen zu untersuchen, die solche Aktionen ins Leben rufen, die die meisten vorbehaltlos gut finden. Der Rest ist deine Interpretation. Wenn er von »der Verelendung der Armen« spricht, dann als eine Konsequenz der Regierungspolitik. Dass diese Armen dann die AfD wählen, rassistisch und antisemitisch eingestellt sind, ist in diesem Fall, 2004, nicht Gegenstand seiner Untersuchung gewesen. Das Massenbewusstsein der Deutschen hat er ja bereits 1990 in seiner Studie für Reemtsma untersucht. 2004, also über ein Jahrzehnt später, hat sich daran vermutlich nicht so viel geändert, dass er eine neue Studie erstellen hätte müssen, was er ohne Finanzierung sowieso nicht getan hätte. Dennoch spielt immer auch der zeitliche Kern eine Rolle, wenn man die einzelnen Zeitabschnitte diskutiert, das heißt auf was gehe ich ein, was ist Gegenstand meiner Analyse. Dass Pohrt aber in irgendeiner Weise Verständnis für die Gesinnung der Abgehängten gehabt hat, ist kaum anzunehmen. Das hatte er noch nie, schon in den 1970er Jahren nicht, als er polemisch von der »hohen Kampfmoral« der Kriegsgeneration im Schlussverkauf schrieb.
D. H.: Weil nun schon wiederholt der Zeitkern angesprochen wurde, der auch Pohrt so ungemein wichtig gewesen sei und den er ja unter anderem auch im Vorwort zu »FAQ« unter Berufung auf Theodor W. Adorno herbeizitiert, möchte ich zumindest an dieser Stelle daran erinnern, dass die Rede vom Zeitkern auf Walter Benjamin zurückgeht und irgendwann zum geflügelten Wort avancierte, was dann aber auch zur Folge hatte, dass der Begriff weitestgehend seines Gehaltes beraubt worden ist. Der Wahrheitsgehalt des Zeitkerns besteht zumindest nach Benjamin – im genauen Gegensatz zum Alltagsverstand – gerade nicht darin, dass man sich zu vergangenen Einsichten historisch distanzierend verhalten dürfe, sondern der Clou ist, dass das Vergangene erst dadurch wahr wird, dass es dem historischen Materialisten im nicht-positivierbaren Augenblick der Gegenwart zitierbar wird. Das Vergangene ist geradezu in Konstellation mit dem Gegenwärtigen zu bringen, von letzterem darf eben nicht abgesehen werden. Erst dadurch, dass das Vergangene mit der Jetztzeit, wie es Benjamin in »Über den Begriff der Geschichte« formuliert, konfrontiert wird, kann überhaupt erst sinnvoll von einem Zeitkern gesprochen werden. Die Flapsigkeit im Umgang mit dem Begriff des Zeitkerns stellt sich mir oftmals nur als Schutzbehauptung dar, damit man sich zu bereits getätigten Aussagen historisch distanzierend verhalten dürfe, man sagen kann: Dieses oder jenes Urteil ist halt dem gesellschaftlichen Kontext der damaligen Zeit geschuldet. Der Widerspruch, der dadurch entsteht, dass man seiner früheren Aussage offenkundig widerspricht, wird dabei aber überhaupt nicht reflektiert, weil vermutlich die intellektuelle Anstrengung gescheut wird, Vergangenes auf den Wahrheitsgehalt hin zu prüfen, was ja bedeuten würde, noch einmal nachvollziehen zu können, wie man selbst zu diesem oder jenem Urteil kam.
Daher finde ich es auch äußerst symptomatisch, dass man einmal die Frische der Pohrtschen Texte betont, dann aber, als sich das Problem der Pohrtschen Rede von den Eliten stellt, die Aussagen Pohrts wiederum historisiert werden und man sodann auf Distanz gehen kann. Mit so einem Zickzackkurs beraubt man sich letztlich der politischen Urteilskraft. Wenn Pohrts Aufsätze der Gegenwart nicht viel mehr taugen als irgendwelche Sprüche aus Poesiealben, was ich nicht denke, könnte man sie gleich auf den Müllhaufen der Geschichte schmeißen. Verstehe mich nicht falsch, aber das Letzte was es braucht, ist die Sakralisierung Wolfgang Pohrts. Wogegen er womöglich selbst einiges einzuwenden hätte.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch anmerken, dass Pohrt, zumindest in »FAQ«, sehr wohl konstatierte, dass das »Bündnis von Mob und Elite« nicht mehr funktioniere, »die Verelendung der Armen beschlossene Sache ist, auf dass der Reichtum der Reichen wachse«. Er stenografiert dazu auch: »Elite spricht Englisch, Pöbel Deutsch. Statt Elite + Mob jetzt Elite + Elite gegen Mob. Volksgemeinschaft ist mega-out. Umfragen bei Studenten ergeben: ‚Soziale Gerechtigkeit‘ auf der Werteskala unter den letzten.« An anderer Stelle in »FAQ« heißt es: »Aber soweit ich informiert bin, ist diese Nachrichtengebung [die antizionistische Propaganda während der zweiten Intifada] ein EU-weites Phänomen, und einziger Verursacher sind die Medien. Weder kommt sie aus der Bevölkerung, noch wirkt sie besonders stark auf sie ein.« Sind solche Pohrtschen Einsichten, die auch in dem weiter oben schon Zitierten bereits mitschwingen, ausschließlich der staatlichen Inszenierung gegen Rassismus und Antisemitismus geschuldet? Zeugen sie heute noch von der behaupteten Frische?
K. B.: Ob Pohrt den Benjaminschen Ansprüchen, die dieser mit dem Zeitkern verband, gerecht wurde, ist nicht wirklich das Problem. Zumindest war er sich bewußt darüber, dass einige seiner früheren Aussagen in einem anderen zeitlichen Kontext plötzlich den Charakter des »mit den Wölfen Heulens« kriegen, wie er mal geschrieben hat. Es geht da nicht um wahr oder falsch, sondern darum, ob man in einer anderen oder sich verändernden gesellschaftlichen Situation gute Gründe hatte für eine Annahme, für die Analyse eines Ereignisses, einer Entwicklung, und die kann man Pohrt nicht absprechen. Mit Sicherheit lag Pohrt auch einige Male daneben, aber zumindest war sein Denkansatz meistens originell in dem Sinne, dass man das nicht erwartet hat, dass man überrascht war.

Aber auf dieser Ebene will ich Pohrt gar nicht diskutieren, weil es mich retrospektiv auch gar nicht so sehr interessiert, ob Pohrt mit seinen Artikeln immer recht hatte.
Ganz abgesehen davon, dass Pohrts Interesse sehr weitgespannt war. Es reicht von Theaterkritiken über Literaturbesprechungen bis zur soziologischen Untersuchung.
Hat man einen Blick aufs Gesamtwerk, kann man vier Abschnitte erkennen. Den Pohrt aus den 1970ern, als er die »Theorie des Gebrauchswerts« schrieb und an der Uni in Lüneburg arbeitete mit den Seminarthemen über Jugendsoziologie, Émile Durkheim, über die »Aktualität des Faschismus«, Marx-Kontroversen. Parallel fing er an, an der Hochschule kleine Satiren und Pamphlete zu verfassen, das war auch die Zeit, als er die ersten Schubladentexte schrieb, die dann 1980 in seinem zweiten Buch »Ausverkauf« erschienen. 1980 hörte er mit seinem Job in Lüneburg auf, obwohl er gute Chancen auf einen Lehrstuhl hatte. Es begann seine Zeit als Kultur- und Ideologiekritiker, als er kurzfristige Berühmtheit erlangte. Das ging bis 1989, bis zum Einzug der Republikaner in den Berliner Senat. Im Vorwort zu »Ein Hauch von Nerz« begründete er, warum es in einer solchen Zeit nicht mehr ausreicht, den Betrieb mit brillanten Kritiken zu bereichern. Kurz danach öffnete die DDR ihre Grenzen und die Wiedervereinigung nahm ihren Lauf. In der dritten Phase erstellte er als Einmannuntersuchungsgruppe eine ganze Studie mit einem riesigen statistischen Aufwand und Fragebögen, die er an Verwandte und Bekannte schickte und die mir nicht sonderlich repräsentativ erschienen. Aber wie Pohrt selbst einmal irgendwo erwähnt hat, kennt man die Ergebnisse der Untersuchung, die man anstellt, in der Regel schon vorher, und es gehört ja auch zum modernen Mythos, wenn man so tut, als wüsste man nicht, worauf die Studie hinausläuft. Danach wurde er quasi der politische Chefkommentator von >Konkret<, und aus diesen Arbeiten entstanden »Das Jahr danach« und »Harte Zeiten«. Damit war Schluss, als Konkret 1993 einen umstrittenen Vortrag von Christoph Türcke auf dem Konkret-Kongress abdruckte, um »eine Versachlichung der andauernden Debatte zu ermöglichen«. Die Frage, die sich Türcke gestellt hatte: »Gibt es ein biologisches Substrat, das es gestattet, Menschenrassen in nichtdiskriminierender Absicht zu unterscheiden?«, war der Anlass für Pohrt, seine Mitarbeit bei Konkret zunächst einzustellen. Dann gab es eine fast zehnjährige Pause, in der er nur noch sporadisch veröffentlichte, bevor dann 2003 vom »Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus« eine Podiumsdiskussion mit Broder in Berlin organisiert wurde. Ein Desaster, wie Pohrt das selbst einschätzte. Es dauerte dann weitere fünf Jahre, bis er sich mit »Kapitalismus Forever« und »Das allerletzte Gefecht« zum letzten Mal zu Wort meldete.
Das nur als kurzer Exkurs darüber, dass Pohrt selbst in einem Zeitraum von fast fünfzig Jahren, natürlich nicht immer derselbe mit derselben Theorie gewesen ist, der sich in erster Linie über den »Wahrheitsgehalt« seiner Aussagen Gedanken gemacht hätte. Er machte sich ja auch über Leute lustig, die einen originellen Gedanken ihr Leben lang zu Tode geritten haben. Man muss sich allerdings schon für die neuere Geschichte interessieren, um vielleicht auch Pohrt zu lesen, und wenn mit den fünfzigjährigen Jubiläen nicht nur 1968 in den Fokus gerät, sondern irgendwann auch die Friedensbewegung, dann kann man, wenn man denn will, dank Pohrt ein realistisches Bild von ihr bekommen, und auch bei der damaligen Linken wird man dann vielleicht erkennen, dass das Niveau der Kritik an ihr durch Pohrt besser war, als sie es verdient hatte.
Das heißt die Beschäftigung mit Pohrt setzt ein Interesse voraus, und dieses Interesse ist nur bei wenigen Leuten vorhanden. Natürlich liegt der Gedanke nahe, dass mit der Herausgabe der Werke vielleicht weniger eine »Sakralisierung« seiner Texte, aber eine Musealisierung stattfindet. Das liegt in der Natur der Sache, vor allem, wenn es dem Autor bei der Veröffentlichung seiner Texte immer um den richtigen Zeitpunkt gegangen ist. Aber das Problem besteht immer, sobald man alte Texte wieder neu zugänglich macht. Aber, und da wiederhole ich mich vielleicht, bei der Lektüre der Texte hat man nicht den Eindruck, dass sie veraltet wären, und ich kann sie immer wieder lesen, ohne mich dabei zu langeweilen.
D. H.: Manfred Dahlmann hat einmal in dem Aufsatz »Kritische Theorie am Ende?« Pohrt vollkommen zu Recht zum Vorwurf gemacht, dass dieser keine Kohärenz in seinen Polemiken wahren würde, sich vielmehr zu eigen macht, dem Zeitgeist Rede und Antwort zu stehen, was dann schnell zum Problem wird, weil sich über den Wahrheitsgehalt der Texte keine Aussage mehr treffen lässt. Dahlmann schrieb: »Wer seine Polemiken im Rückblick liest, kommt kaum um die Feststellung herum, daß sie zwar samt und sonders einem ganz bestimmten Muster folgen, daß die Themen und Adressaten seiner Kritik aber stets austauschbar waren.« Wenn man Dahlmanns Urteil für nicht allzu abwegig hält, steht dadurch fest, dass Pohrts Methode auch der Willkür des eigenen Narzissmus geschuldet ist. Diese Methode mag für den Verleger gut sein, weil sie Bücher abwirft und auch Pohrt selbst drängte sein Vorgehen immer wieder zu Bewusstsein, beispielsweise dann, wenn er freimütig zugab, dass er Texte durchaus auch als Antworten auf vergangene Texte verfasste und wenn sie sich dann widersprechen, fand er das nicht weiter schlimm. Nicht aber leistete er, obgleich ihm der Widerspruch überaus bewusst war, eine Arbeit am Begriff und reflektierte damit darauf, wie es zu dem Widerspruch überhaupt kommen konnte, sondern versteckte sich hinter der Schutzbehauptung, dass Aussagen im historischen Kontext zu begreifen seien. Das hat, wie vorhin bereits angemerkt, zwar nichts mit dem Wahrheitsgehalt des Zeitkerns zu tun, den Pohrt Adorno entlehnt und dieser hat ihn durch seine Benjamin-Lektüre gewonnen, dafür allerdings viel mit dem Historismus, den Pohrt sich geradezu stillschweigend einforderte. Mit dieser angesprochenen Methode könnte man meinen, dass Pohrt schließlich nur die Wahrheit auf Distanz halten möchte.
Einen Grundgedanken, der die Schriften Pohrts trägt, kann ich irgendwie, und da trägt die epochale Werkeinteilung nur dazu bei, nur schwer ausfindig machen. Mir kommt es mehr so vor, dass er dem Zeitgeschehen, zuweilen auch der Feuilletondebatte, hinterherhechelte und durch seine Polemiken durchaus etwas Beneidenswertes abrufen konnte. Als aber die Themen nicht mehr in der öffentlichen Meinung vertreten waren, war dann auch mit Pohrts Kritiken Schluss. Nur so kamen wohl die langen Atempausen immer wieder zustande. Und nicht anders kann ich mir erklären, dass es keine Fragen aufwirft, sich – überspitzt gesagt – in drei verschiedenen Texten, die in einer Zeitspanne von, sagen wir, fünf Jahren erschienen, gefühlt neun Mal zu widersprechen. Du wirst sicherlich anderer Ansicht sein …
K. B.: Wenn man theoretische Kohärenz als Messlatte oder Beurteilungskriterium anlegt, dann wird man sie bei Pohrt sicherlich nicht in jedem Artikel finden, aber was hat jemand davon, wenn er am Ende seines Lebens von sich behaupten kann, sich nie widersprochen zu haben (was natürlich nie stimmen wird), um den Preis, dass niemand diese konsequente Haltung wahrgenommen hat, diese Forderung nach Kohärenz erscheint mir eher eine Einschränkung des Denkens. Man könnte auch mit Francis Picabia darauf antworten, der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. Nicht dass ich mich darauf versteifen wollte, aber manchmal hilfts. Und zudem finde ich es erschreckend, wenn es immer nur darum geht, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu verkünden. Das geht mir zu sehr in Richtung einer reinen, unbefleckten Theorie, die dann auch nicht der Prüfung durch die Realität ausgesetzt werden darf.
In gewisser Weise gebe ich Manfred Dahlmann zwar recht, aber dass die Polemiken Pohrts samt und sonders einem ganz bestimmten Muster folgen, kann man nicht behaupten. Siehe dazu die verschiedenen Entwicklungsphasen und unterschiedlichen Arbeitsansätze bei Pohrt, die ich kursorisch erwähnt habe, weshalb ich auch nicht nachvollziehen kann, dass die Themen und Adressaten seiner Kritik stets austauschbar gewesen sein sollen. Das ist doch der Fall, wenn jede Kritik den Gegenstand der Kritik über den gleichen Leisten bricht, was dann zutrifft, wenn man in seinen Artikeln alles einem Reinheitsgebot, beziehungsweise dem Gebot der Kohärenz unterwirft. Ganz im Gegenteil dazu hat Pohrt in seinem Leben immer wieder nach neuen Ansätzen gesucht.
Es reichte ihm nicht, sich als Ideologiekritiker einzurichten und im Betrieb mitzumachen. Er hat im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen daran gelitten, dass er mit seinen Artikeln und Polemiken so wenig bewirken konnte. Also, Willkür kann ich nicht erkennen, weil Pohrt nichts um seiner selbst willen geschrieben hat. Und ich kenne keinen Autor, dem Narzissmus völlig fremd wäre. Außerdem muss man in seiner Kritik immer berücksichtigen, dass man nicht kritisieren sollte, was der Autor vielleicht gar nicht behauptet hat, oder anders: An einem Ideologiekritiker, der für den Tag schreibt, kann man schlecht bemäkeln, dass er keine Arbeit am Begriff geleistet hätte. Immerhin lässt sich jedoch in seinen Essays erkennen, dass in ihnen mehr steckte als verblasenes Feuilletonistengeschwafel. Er konnte einfach auf ein großes Wissen zurückgreifen, und wenn du so willst, auf die Ergebnisse seiner Arbeit an Begriffen aus seiner Studienzeit, die durchaus in einem Kontext standen und kaum einfach mal so und ohne Hintergrund in die Debatte geworfen wurden.
Wenn man natürlich von jemandem erwartet, dass er mit jedem Artikel gleich einen Grundsatztext mitliefert, dann können Pohrts Texte sicher nicht immer mithalten, aber immer noch häufiger als viele Grundsatztexte, die meistens in der Abgeschiedenheit eines Studierzimmers vor sich hinwuchern und von denen niemand Notiz nimmt. Dass er den Feuilletondebatten »hinterherhechelte« ist dabei ein besonders merkwürdiger Vorwurf, denn erst muss ja was vorfallen, um anschließend darüber schreiben zu können.
Man kann das insgesamt verwerfen, weil man sich dafür nicht interessiert, und das ist auch okay, aber damit blendet man auch Wirklichkeit aus. Keine weltbewegende natürlich und Pohrt hat sich ja deshalb auch von der Rolle als Kulturkritiker verabschiedet. Ich würde auch nicht sagen, dass mit seinen Kritiken Schluss war, wenn die Themen nicht mehr in der Öffentlichkeit verhandelt wurden. Und selbst wenn es so wäre, lässt sich daraus kein Vorwurf basteln, vielmehr hatte er irgendwann das Gefühl, alles dazu gesagt zu haben, und bevor er anfangen würde, sich zu wiederholen, hörte er eben auf damit. Die meisten Leute im Gewerbe haben das nicht geschafft.
D. H.: Dass Pohrt es irgendwann einmal für ziemlichen Mumpitz hielt, die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zu studieren, weil man damit, wie er nicht müde wurde zu betonen, keinen Beitrag zur Revolution leistet, sondern wie eine drittklassige Adaption Marxens wirke, kann man in den Pohrtschen Texten, die Marx umkreisen, immer wieder nachlesen. Er hatte vielen anderen allerdings, die sich heute über das Marxsche Werk nur allzu großspurig erheben wollen, voraus, dieses ‚Studium‘ bereits abgeschlossen zu haben. Zeugnis davon legt die »Theorie des Gebrauchswerts« ab. Später hat er dann nach langer Zeit als Erster mit »Brothers in Crime« auf die Rackettheorie der Kritischen Theorie aufmerksam gemacht. Beide Bücher sind bei Edition Tiamat erschienen. Wie kam es zur Veröffentlichung bei dir? Und kannst du mehr zu den Arbeiten sagen?
K. B.: Ja, das brachte ihm natürlich einen Vorteil, Marx gut zu kennen, aber manchmal hätte er gern darauf verzichtet, wenn er die Wahl gehabt hätte, denn er hat später schon darunter gelitten, wie wenig er mit seinem Wissen bewirkte, und dieser Anspruch, dass es doch zu irgendetwas gut sein muss, wenn man sein halbes Leben damit verbringt, Marx zu studieren, war immer vorhanden, weshalb es ihm sehr zugesetzt hat, dass dieser Anspruch sich so gar nicht einlösen ließ. Am Ende festzustellen, dass der Kapitalismus nicht schwächer, sondern stärker und strahlender geworden ist, ist kein Grund, mit Optimismus in die Zukunft zu sehen. Als er in »Kapitalismus Forever« diese offenbar durch nichts zu beeindruckende Kraft des Kapitalismus, sich neu zu erfinden, beschrieben hat, schimmerte ein gewisser Sarkasmus durch, weil der Aufbruch mit der Protestbewegung, deren Scheitern er ausführlich beschrieben hat, eine gewisse Hoffnung auf Veränderung enthielt, von der nichts übrig geblieben ist, das heißt er konnte nur noch den Sieg des Kapitalismus auf der ganzen Linie konstatieren und die Proteste gegen ihn als schon im Ansatz gescheitert betrachten.
Viele der später Geborenen sehen das vielleicht anders, aber mit der Erfahrung eines ganzen Lebens im theoretischen Gepäck lässt sich das nur zu gut verstehen. Deshalb vielleicht auch die gewollten Missverständnisse wie in Konkret, die solche Passagen wie »überhaupt kann man den Kapitalismus nur bewundern, je länger man sich mit ihm befasst« für eine Abkehr zum Renegaten hielten. Oder: »Wunderbar, dieses Kapital, einfach wunderbar. Sein einziger Daseinszweck besteht darin, sich zu vermehren – wie das Leben selbst, schöpft es doch aus der Vergänglichkeit des Irdischen seine ewige Kraft.« Das war natürlich die reine Ketzerei für Leute, die davon überzeugt sind, man müsse sich nur genügend anstrengen und die richtige Organisationsform finden, um den Kapitalismus zu überwinden, und dabei nicht sehen, dass die Menschen noch nie so wenig Interesse daran hatten wie heute. Konkret war natürlich beleidigt, weil Pohrt kurz vorher ein Streitgespräch in der Zeitschrift über die Krise des Kapitals als »sinnfreies akademisches Geschwätz« bezeichnet hatte. Über eine andere Reaktion von Konkret habe ich ja schon am Anfang unseres Gesprächs berichtet. Als der Berliner Tagesspiegel ein Kapitel aus dem Buch vorabdruckte, war die Reaktion des bürgerlichen Tagesspiegel-Lesers so, wie man das von einem Wutbürger eben erwarten kann, und ein paar dieser Ausbrüche sind auch in Band 10 der Pohrt-Werke kurz dokumentiert. Broder hatte das mal als Pohrts Fähigkeit beschrieben, »Signale aufzufangen, die an anderen vorbeirauschen«, und er stellte die Frage: »Ist das noch Empfindlichkeit, ein Horchen auf Verbindungen, die unter der dünnen Oberfläche liegen und nach leichtem Kratzen ans Tageslicht kommen, oder ist es schon Hysterie, die sich den Gegenstand, an dem sie sich entzündet, selbst herstellt?« Ohne die Frage beantworten zu wollen, kann man es auch so sehen, wie Jonathan Swift geschrieben hat: »Ein Genie erkennt man daran, dass es alle Dummköpfe gegen sich hat.«
Um auf deine Frage zurückzukommen, wie es zu »Brothers in Crime« und der »Theorie des Gebrauchswerts« kam: »Brothers in Crime« hat Pohrt im Auftrag des Hamburger Instituts für Sozialforschung geschrieben. Als das »Stipendium« abgelaufen war, wollte Reemtsma nichts mehr damit zu tun haben, und ich vermute mal, dass Reemtsma nicht damit einverstanden war, dass Pohrt in Racket und Bandenbildung, die in Amerika historisch entstanden sind, strukturelle Ähnlichkeiten in der politischen Freundschaft zwischen »Helmut« und »Boris« entdeckte und diese versuchte nachzuweisen. Die Studie war noch nicht fertig und ich überredete Pohrt, sie abzuschließen, um sie veröffentlichen zu können. Das Buch ist ein kleiner Longseller geworden und wurde auch ins Französische übersetzt.
Ich habe ihn auch überredet, die »Theorie des Gebrauchswerts« neu aufzulegen, und er hat sich dann ziemlich lange mit einer Neubearbeitung beschäftigt. Ich habe vor kurzem einen sehr klugen Menschen kennengelernt, der durch die »Theorie des Gebrauchswerts« quasi sozialisiert wurde und der sich die Mühe gemacht hat, herauszufinden, welche Passagen Pohrt umgeschrieben, weggelassen oder neu geschrieben hat, und auf welche Veränderungen man im Denken Pohrts schließen kann, eine richtige philologische Studie, die vielleicht in die Werke Band 1 mit eingeht, die die >Theorie des Gebrauchswerts< enthalten wird.
D. H.: Seine ganze Marx-Lektüre nur betrieben zu haben, um dann zur Einsicht zu gelangen, dass sie weitestgehend sinnlos war, schmerzte Pohrt sicherlich. Allerdings setzt diese Erkenntnis die theoretische Beschäftigung voraus, die ich daher für alles andere als sinnlos halte.
Eine Nachfrage noch: Ist es allein eine Vermutung deinerseits, dass Jan Philipp Reemtsma deswegen zu Pohrt auf Abstand ging, weil er die Forschungsergebnisse nicht teilte? Ich kann mir auch gut vorstellen, dass ihm der wissenschaftliche Charakter fehlte – ohne die Studienergebnisse in der Rohfassung zu kennen, sondern in Anbetracht des daraus entstandenen Buches frage ich mich das.
K. B.: Nur kann man die Erkenntnis auch billiger haben als mit ausführlicher Marx-Exegese.
Und deine Frage zu Reemtsma: Es ist mehr eine Vermutung, aber sie liegt sehr nahe. Ich glaube, es hatte mehr mit dem Briefwechsel der beiden zu tun, der in Konkret und im Mittelweg abgedruckt wurde und in dem Differenzen auftraten hinsichtlich der Bewertung einer internationalen Justiz zur Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschheit oder Menschlichkeit, wie man schon bei den Nürnberger Prozessen übersetzte, als ob ein philosophisches Prinzip ruiniert worden sei. Pohrt lehnte die Installierung einer internationalen Justiz ab, weil sich natürlich die Frage stellte, in welchem Auftrag diese handelte und welche Interessen durchgesetzt werden würden. Reemtsma hingegen befürwortete eine solche national übergeordnete juristische Instanz. Das hatte zwar nichts direkt mit den Ergebnissen der Studie »Brothers in Crime« zu tun, aber nachdem ich Johann Scheerers (der Sohn Reemtsmas) Buch über die Zeit der Entführung gelesen habe, in dem zwangsläufig sein Verhältnis zu seinem Vater zur Sprache kam, liegt die Vermutung nahe, dass die Differenz in einer anderen Frage durchaus auch auf eine andere Differenz durchschlagen konnte, und das deckte sich mit meiner eigenen Beobachtung, als ich Reemtsma kennenlernte, um mit ihm ein Buch bei Tiamat zu machen. Als ich Reemtsma auf dem Konkret-Kongress traf und ihn fragte, was ihn eigentlich hierher trieb, stellte sich heraus, dass wir beide eigentlich nur wegen Pohrt gekommen waren, weil er der einzige war, dem man mit einem intellektuellen Gewinn zuhören konnte. Außerdem hat Reemtsma die Rechte an Adorno gekauft, und zwar nicht, weil er ihn einfach seiner Sammlung einverleiben wollte, sondern weil er für ihn ein wichtiger Theoretiker war. Das alles deutet darauf hin, dass es ein Zerwürfnis gab, und das kann ich mir gut vorstellen, weil Pohrt sehr verletzend sein konnte, wenn man sich selbst zu wichtig nahm und nicht mit einem guten Nervenkostüm ausgestattet ist, was bei Reemtsma ziemlich sicher der Fall war, und da er als Norddeutscher sehr zurückhaltend war, hing er die Gründe für das Zerwürfnis nicht an die große Glocke. Ich habe vor etlichen Jahren mal bei Reemtsma gefragt, ob er sich vorstellen könnte, eine Werksausgabe zu finanzieren, aber da bekam ich nur eine Standardablehnung von der Sekretärin. Ein bisschen wenig, wenn man bedenkt, dass Pohrt durch eine Entscheidung von ihm finanziert wurde und nicht über das »Institut«, wie das sonst üblich war, denn Pohrt hatte es abgelehnt, am »Institut« mit irgendwelchen Langeweilern wie Ulrich Bielefeld zusammenzuarbeiten und nach aufreibenden Tätigkeiten in Arbeitsgruppen, irgendwann nach Jahren, erste vorläufige Arbeitsergebnisse vorlegen zu können. Reemtsma ermöglichte Pohrt, quasi als Privatgelehrter zu Hause in Stuttgart seine statistischen Erhebungen zu machen. Da ziehe ich den Hut. Das ist sehr ungewöhnlich in einer Gremienpolitikgesellschaft, wie sie in Deutschland üblich ist. Aber vielleicht hast du recht und »Brothers in Crime« entsprach nicht den wissenschaftlichen Standards, die Reemtsma von einer solchen Studie erwartet hatte.
D. H.: Was erwartet uns mit den Gesammelten Werken Wolfgang Pohrts Neues?
K. B.: Im Übrigen bin ich mir nicht sicher, ob ich mich nochmal auf die Herausgabe seiner Werke einlassen würde, hätte ich geahnt, mit welchem Aufwand das verbunden ist. Aber Pohrt kann man immer wieder neu lesen und bis jetzt bin ich jedenfalls durch die Lektüre nicht dümmer geworden, im Gegenteil, ich habe in intellektueller Hinsicht wahrscheinlich niemandem mehr zu verdanken als Pohrt.
Abgesehen von den bereits erschienenen Büchern aus der Edition Tiamat werden in den Werken die zahlreichen Artikel aus der Konkret stehen, 118 laut Gremliza, die nicht in seinen zum Teil schon seit Jahren vergriffenen Büchern auftauchen, bislang unveröffentlichte Texte, Vorträge, Interviews und auch einige Seminarpapiere, einiges davon echte Perlen. Wenn man jedenfalls wissen will, was es mit den 1970er, 80er und 90er Jahren auf sich hatte, ist das keine schlechte Lektüre. Hier kriegt man die Kritik gleich mitgeliefert.
Da fällt mir ein, gestern las ich in einer kurzen Meldung in der FAZ, dass Margarethe von Trotta den Theodor-W.-Adorno-Preis bekommt. Was für ein Hintertreppenwitz! Über sie und ihren Film »Die Bleierne Zeit« hat sich Pohrt hin und wieder lustig gemacht und es gibt von ihm einen kleinen in der taz erschienenen Text aus dem Jahr 1982 mit dem Titel »Trottas Preis«, als sie den Bundesfilmpreis und den Kritikerpreis für »Die Bleierne Zeit« bekommen hat, einen Film, den sich heute schon niemand mehr ansehen kann, ohne gesundheitliche Schäden befürchten zu müssen. Die Jury käme nie auf die Idee, Pohrt auch nur in Erwägung zu ziehen, obwohl der nun wirklich wie kaum jemand sonst Adorno eben nicht nur imitiert, sondern weitergedacht hat, jedenfalls sich mit ihm auf einem Niveau auseinandergesetzt hat, das man sonst kaum finden wird in der öffentlichen Debatte.
Und deshalb verschafft es mir auch irgendwie eine tiefe Befriedigung, Pohrt mit einer Werkausgabe wenigstens wieder ein bisschen ins öffentliche Gedächtnis zurückzuholen, auch wenn ich weiß, dass sich Pohrt nichts daraus gemacht hätte (obwohl er sich sehr über die beiden ersten Bände gefreut hat), aber andere Personen, die sich möglicherweise für weitaus bedeutender halten, kriegen eben keine, und das ist doch auch mal ganz schön.
Ich sage nur, um keine Namen zu nennen, Gremliza, der es abgelehnt hat, dass das letzte Gespräch mit Pohrt (in Konkret 11/14 veröffentlicht) im 10. Band der Werkausgabe erscheinen konnte, was inhaltlich gesehen tatsächlich kein großer Verlust war. Er lehnte ab und schrieb: »Ich möchte, dass kein Text, zu dem ich etwas beigetragen habe, in Bittermanns Werken auftaucht«, eine schöne Steilvorlage für eine Antwort, denn hätte Gremliza Pohrts Werke herausgegeben, so gibt er zu verstehen, hätte er sie offenbar für seine gehalten. Ich leide allerdings nicht an dieser lächerlichen Hybris und bräsigen Selbstgefälligkeit. Ich versuche nur, dass einigermaßen gut hinzukriegen.
D. H.: Wenn man sich die Liste der neueren Adorno-Preisträger so ansieht, kann Pohrt womöglich geradezu froh darüber sein, dass er nie ernsthaft für einen Adorno-Preis in Betracht gezogen wurde und kommt allein dadurch irgendwie schon wieder zu ehren. Jetzt, wo du gerade das Verhältnis zwischen Adorno und Pohrt, der bei ihm ja noch studierte, ansprichst: Mir ist noch Pohrts Beitrag (»Staatsfeind auf dem Lehrstuhl«), den er auf einer diesen gähnend langweiligen, akademischen Adorno-Konferenzen gehalten hatte, sehr lebhaft in Erinnerung. Dort brachte er auch den Imitationsdrang und den Unwillen zum eigenständigen Denken der Adorno-Schüler zur Sprache, was bis zu einem gewissen Grad auch daher rühren könnte, dass man sich wie ein Zwerg auf den Schultern eines Riesen sitzend wähnt; manchmal aber, und das wird akademisch-autoritätshörig gerne übersehen, blicken die auf den Schultern sitzenden Zwerge auch ein kleines Stück weiter. Weißt du, wie es zur Einladung Pohrts kam?
K. B.: Da hast du natürlich völlig recht, in der Gesellschaft der Adorno-Preisträger, nun gekrönt durch Trotta, möchte man sich nicht befinden, obwohl Pohrt den Preis wahrscheinlich angenommen hätte, und ich wäre sehr gespannt gewesen, wie seine Rede dazu ausgefallen wäre, denn diese Gelegenheit wäre auch gleichzeitig der einzige Grund gewesen, ihn anzunehmen, abgesehen natürlich vom Preisgeld.
Wie es damals zur Einladung Pohrts kam, weiß ich nicht, aber ich vermute, dass sie auf Initiative von Günther Mensching zustande kam. Er hatte ihm schon vorher gegen die Widerstände der dortigen Fachsoziologen zur Stelle an der Uni Lüneburg verholfen und mit ihm einige Seminare abgehalten.