Verlagsgeschichte (1979-2004)

25 Jahre Verlag ist fast wie Goldene Hochzeit. Oder Steinerne Kommunion. Oder so was ähnliches. Man ist ganz schön alt. In der Bayerischen Rundschau, dem Heimatblättchen meiner Geburtsstadt Kulmbach, wäre das vielleicht sogar ein Anlaß, ein Foto zu veröffentlichen, auf dem ich bedröppelt aus der Wäsche gucke. Und wenn’s ganz dumm liefe, würde mir jemand einen Blumenstrauß überreichen und die Hand schütteln, und unter dem Foto würde stehen: “Der Jubilar Klaus Bittermann feiert sein 25-jähriges Verlagsbestehen.” Aber nicht nur in Kulmbach, auch woanders ist es immer das Alter, das beklatscht wird, die Leistung, so lange durchgehalten zu haben bis auf Ausnahmen menschlicher Schwäche selbstverständlich. Mein Durchhaltevermögen bestand jedoch nie in etwas anderem als vor mich hinzuwursteln. Ein bißchen kommt es eben auch darauf an, was man fabriziert hat.

Auf vielfachem Wunsch werde ich hier einige Episoden aus dem Innenleben eines dilettierenden Verlegers erzählen. Nicht über jeden und alles werde ich erzählen, was mir vergeben werden möge, auch werde ich keine Skandale ausplaudern, sondern schön für mich behalten, aber ich biete eine kleine selektive und ausschließlich von meiner Willkür diktierte Wahrnehmungsgeschichte, die ich bei 25 Jahren auf den wenigen Seiten zwangsläufig nur düsenjägermäßig überfliegen kann. Wie häufig Mitte der siebziger Jahre wurde der Verlag von einer Gruppe von Leuten ins Leben gerufen, die ein solches Unternehmen für sehr originell hielten. Einer machte den Vorschlag: Tiamat. Keiner wußte, was das bedeuten sollte. Mit babylonischer Mythologie hatten wir nicht viel am Hut, aber mit Tiamat in der Bedeutung von Chaos und Ursprung konnten wir uns anfreunden. Und natürlich Edition, das hatte französisches Flair, auch wenn es deutsch ausgesprochen wurde. Wie häufig bei solchen Gruppen hatte sie nur eine geringe Haltbarkeit. Sie löste sich auf. Ich blieb bei der Stange.

Das erste Projekt: Nachdruck der ersten sieben vergriffenen Nummern der in Berlin herausgegebenen anarchistischen Theoriezeitschrift “Schwarze Protokolle”, die eine gründliche Kritik der Anfang der Siebziger in Mode geratenen K-Gruppen und grandiose Artikel des Sonderlings H.D. Heilmann enthielt. Mit 500 Seiten ein echtes Mammutwerk. Dann rief ich eine Zeitschrift ins Leben: “anschläge”. Einziger Autor des Blattes: Ich. Vorteil: Niemand widersprach mir. Später änderte sich das. Texte aus dem Französischen wurden übersetzt. Es ging um den Putsch in Polen und die “Jugendunruhen” in London, Zürich, Amsterdam und Berlin. Aber das war schon Anfang der Achtziger.

Vorher saß ich noch in Nürnberg und edierte eine kleine surrealistische Schriftenreihe mit Jacques Prevert, René Crevel, eine Anthologie über den Comte de Lautréamont, Texte zur “Notwendigkeit der Revolte” von der surrealistischen Konkurrenz-Gruppe “Le Grand Jeu” und den lustigen Porno “Die tollwütigen Hoden” von Benjamin Péret, der mir von einer gewissen linken Buchhandlung in Göttingen einen geharnischten Brief einbrachte. Die Bücher wurden zurückgeschickt. Auch von Antonin Artaud gab ich unerlaubterweise zwei kleine Broschüren heraus. Dadurch lernte ich den Münchner Verleger Axel Matthes kennen, der die Rechte an Artaud hatte und mich sehr freundlich darauf hinwies, daß man das so nicht einfach machen könne.

Daneben publizierte ich einige anarchistische Agitationsschriften von Johann Most und den “Einspruch gegen die Kapitulation von 1937” von einem “Unkontrollierten” der Eisenkolonne. Was sich so geheimnisvoll anhört, ist eines der wenigen Dokumente des Spanischen Bürgerkriegs, in denen die Remilitarisierung der spanischen Kolonnen durch die Kommunisten kritisiert wurde, was die Rückkehr zu militärischer Hierarchie bedeutete. Gegen diese Neustrukturierung der Armee leisteten die ehemaligen Knackis, die von den Anarchisten befreit worden waren und eine eigene Miliz gegründet hatten, heftigen Widerstand. Das erste Buch, das eine etwas größere Erwähnung fand, und zwar durch Jörg Fauser, der damals beim Tip arbeitete und dem das Büchlein als Anlaß diente, einen großen Aufsatz über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben. Schon allein aus diesem Grund fühlte ich mich quasi verpflichtet, die Biographie Jörg Fausers herauszugeben, als die Autoren Matthias Penzel und Ambros Waibel im letzten Jahr an mich herantraten.

Die letzte verlegerische Tat in Nürnberg bestand 1981 in der Herausgabe des 1. Bandes der Reihe Critica Diabolis, in der bis heute 123 Bände erschienen sind. Es handelte sich um eine Übersetzung aus dem Französischen. “Aufrufe aus dem Gefängnis von Segovia”, in dem Mitglieder einiger Autonomen Gruppen einsaßen, die Banküberfälle auf dem Gewissen hatten, aber im Unterschied zur ETA nie Menschenleben in Gefahr brachten. Der damals in Spanien lebende Guy Debord warf sich publizistisch für die autonomen Gruppen in die Bresche und versah deren Texte pseudonym mit einem Vorwort, was dazu beigetragen haben soll, daß die Inhaftierten wieder freigelassen wurden. Die Rechte wurden mir großzügigerweise umsonst überlassen, und zwar von Gérard Lebovici, dem berühmten Verleger der Pariser Edition Champ Libre, der als Filmproduzent einer der reichsten Männer Frankreichs war, eine schillernde Figur, die 1984 in einer Tiefgarage erschossen wurde. Die Täter wurden bis heute nicht gefaßt.

Meine Methode, die Bücher unter die Leute zu bringen, war denkbar einfach und naiv. Es gab damals eine rote Plastiktüte mit dem Konterfei von Marx und auf der Rückseite standen die Adressen des linken Buchhandels in Deutschland. Denen schickte ich einfach die Bücher mit Rechnung zu und hoffte, daß sie auch zahlen würden. Die meisten taten es und ermöglichten es mir, neue Bücher zu produzieren. Ich war sogar mal quer durch Deutschland gedüst und habe meine Werke im einschlägigen Buchhandel untergebracht. Langsam entstand der eine oder andere Kontakt, Buchhandlungen fingen an zu bestellen. Alles, was reinkam, wurde sofort in neue Projekte gesteckt.

Als ich Anfang 1982 nach Berlin zog, konnte ich die erste aufwendige Publikation über die Bühne bringen. Die Schriften von Jacques Rigaut, ein Vergessener der Pariser Dadaisten-Bewegung mit dem kurzen und einprägsamen Titel “Suizid”, der sich am besten in Wien verkaufte. Uli Becker, der einzige, der sich für jedes Buch, das ich ihm schicke, mit einem Kärtchen oder kleinen Brief bedankt, weshalb ich ihm fast alles aus dem Verlag zukommen lasse, hatte 1983 vom Spiegel-Redakteur Christian Schultz-Gerstein den Auftrag, Jacques Rigaut zu besprechen. Aber da er es nicht schaffte, das Buch löblich zu besprechen, war es nichts mit dem großen Durchbruch. Ich begann mich nach einem Job umzusehen, und wurde sogenannter “Hilfserzieher” in der Till-Eulenspiegel-Kette, wo ich mit sozial benachteiligten Kleinkindern Quatsch machte, sie bekochte und mich im übrigen möglichst wenig in ihre Belange einmischte. Inzwischen hatte ich mit dem Regenbogen-Vertrieb eine richtige Auslieferung, mußte also die Bücher nicht mehr selber verschicken.

1983 nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und schrieb Wolfgang Pohrt, der zwei grandiose Bücher bei Rotbuch gemacht hatte und dessen Artikel ich in den unterschiedlichsten Zeitungen aufspürte und verschlang. Ich fragte ihn, ob er nicht Lust hätte, bei mir zu veröffentlichen. Pohrt war er zu meiner Überraschung sofort einverstanden und schickte mir auch sogleich einige Rundfunkbeiträge über Balzac. Im Frühjahr 84 erschienen deshalb gleich zwei Pohrt-Bücher und sonst nichts. Der Aufsatzband “Kreisverkehr, Wendepunkt” verkaufte sich für meine Verhältnisse wie geschnitten Brot, und da Pohrt im selben Jahr bei Konkret Kulturredakteur war und fast das ganze Heft vollschrieb, gab es im Herbst 84 gleich noch einen zweiten Aufsatzband. Ein bißchen viel für heutige Verhältnisse, aber Marktgesetze waren mir damals schnuppe, solange mir gefiel, was ich verlegte. Über Wolfgang Pohrt lernte ich Eike Geisel kennen, von dem ich ebenfalls ein Buch verlegte. “Wolfgang Pohrt and Eike Geisel may well be the two most effective polemical essayists on the contemporary West German scene”, hatte Saul Friedländer geschrieben, und bei mir veröffentlichten sie nun.

Andere Titel wurden fleißig geplant, kamen aber nie zustande, u.a. das Hauptwerk der Schwarzen Romantik “Melmoth, der Wanderer” von Charles R. Maturin und “Rue Gît-le-Cœur” des tschechischen Surrealisten Vitezslav Nezval, ein unterwürfiger Bericht über den Zirkel um Breton. Aber das war auch besser so, denn nach einem mageren 1985 ging der Regenbogen-Vertrieb wegen eines Eifersuchtsdramas pleite und riß ein beträchtliches Loch in meine zerrütteten Finanzen. Ich überlegte ernsthaft, ob ich überhaupt weiter machen sollte, aber dann löste mein Bruder ein uraltes Sparbuch für mich auf und ermöglichte mir einen Neubeginn bei einem Vertrieb, der diesmal Rotation hieß und nach ein paar Jahren ebenfalls pleite ging.

Mit “Zeitgeist, Geisterzeit”, einem neuen Titel von Pohrt, und der “Abhandlung über den Stil”, einer furiosen Polemik von Louis Aragon gegen den zeitgenössischen Kulturbetrieb, ein Buch, in dem die hohe Kunst der üblen Beleidigung gepflegt wurde, ging ich 1986 in die Offensive. Es handelte sich um eine ganz frühe Schrift Aragons, und als er dann prominent wurde und zu den Kommunisten konvertierte, war ihm das Pamphlet peinlich. Erst als der Rundumschlag 1968 in Paris geraubdruckt wurde, kam die Schrift bei Gallimard vierzig Jahre nach der Erstauflage wieder in den Handel.

Im Frühjahr 1987 folgte dann “Die alten Straßenverkehrsordnung” mit zwei “Gründungsdokumenten” der RAF, kommentiert u.a. von Wolfgang Pohrt, Gabriele Goettle und – ich gebe es zu – Klaus Hartung, der bei der taz und dann bei der Zeit erfolgreich Sprachschwurbel betrieb. Dieser Band lief wie geschmiert und ist bis heute einer der erfolgreichsten Titel des Verlags. Allerdings warf er gewisse Probleme auf, denn ich wollte die Auflage des Buches weder beim Vertrieb noch bei mir zwischenlagern, um sie nicht unnötig dem neugierigen Zugriff der Behörden auszusetzen, und das bedeutete eine elende Schlepperei in den dritten Stock einer unverdächtigen Wohnung. Die Vorsichtsmaßnahme erwies sich als überflüssig, das Interesse an dem Buch war rein theoretischer Natur.

Mit Elke Schubert erstellte ich einen Interview-Band des in Wien lebenden Philosophen Günther Anders, der damals durch die Debatte über die sogenannte “Gewaltfrage” wieder kurzzeitig ins Licht der feuilletonistischen Öffentlichkeit geraten war. Das Buch liest sich noch heute als eine ausgezeichnete Einleitung in das Gesamtwerk von Günther Anders.

Im März 1987 war Christian Schultz-Gerstein an einer Überdosis Alkohol gestorben. Mit Wolfgang Pohrt traf ich eine Auswahl seiner Artikel, die unter dem Titel “Der rasende Mitläufer” erschien. “Selbst Mumien sprühen noch Funken, weil ein Schultz-Gerstein sich an ihnen rieb”, schrieb Wolfgang Pohrt in seinem Nachruf. Mumien wie beispielsweise Botho Strauß und Wolf Biermann, die, würde Kritik etwas bewirken, nie wieder Papp hätten sagen können.

Auf Anregung Eike Geisels, bzw. eigentlich Hannah Arendts, für die es sich um die beste Reportage über den Eichmann-Prozeß handelte, erschien im Herbst 1987 außerdem Harry Mulischs “Strafsache 40/61”. Das Buch war 1963 zur ersten Mal bei DuMont erschienen und seither vergriffen. Christoph Buchwald von Hanser, Mulischs deutschsprachigem Verlag, gab mir einen großartigen Tip: Die Rechte an der Übersetzung seien verjährt. Das hörte ich gern, bescherte mir nach Erscheinen dann allerdings peinliche zehn Minuten, als sich DuMont bei mir verwundert meldete und meine Ausrede sich eher fadenscheinig anhörte. Aber damals war man noch nett zueinander. DuMont drückte beide Augen zu und auch Hanser zeigte sich großzügig. Erst als das Buch schon verramscht war, schickte man mir einen Vertrag zu, in dem man mich generös an einer Taschenbuchlizenz beteiligte, die bereits an Reclam verkauft war. Und seither habe ich Hanser sehr lieb. Und auch den Niederländischen Kulturfonds fand ich nett, denn der unterstützte die Übersetzung, für die ich nie was bezahlt hatte. Das waren noch schöne Zeiten.

Ich wurde ambitioniert. Mir schwebte ein “Jahrbuch für gesellschaftskritische Umtriebe” vor mit dem von Adorno inspirierten Titel “Eingriffe”, was sich aber, wie Pohrt einmal spöttelte, eher nach Zahnarzt anhörte. Mit Beiträgen von Hannah Arendt, Enzensberger, Broder, Geisel, Mulisch, Uli Becker u.a. setzte ich den Plan in die Tat um. Jeder Artikel ein Juwel, nur hatte das Ganze kein Konzept. Vorbestellt war das Büchlein prima, aber Nachbezüge Null. Irgendwann stapelte ich den Rest auf der Buchmesse zu einem imposanten Haufen und verschenkte es an die fleißigen Prospektesammler, die mit Hackenporsche und Tunnelblick durch die Gänge schlurften.

Ebenfalls 1987 gab mir Wolfgang Pohrt den Tip, “Die Technik des Staatsstreichs” von Curzio Malaparte herauszubringen in der vagen Annahme, die enttäuschten Hoffnungen der Friedensbewegung und die sich ins nichts auflösende Endzeitstimmung könnten ein Bedürfnis nach etwas Handfestem geweckt haben. Dem war aber nicht so und deshalb kümmert “Das Traktat über die Kunst der Verteidigung der Freiheit” noch heute in meinem Buchlager herum, statt wie in den Dreißigern Furore zu machen, als es von Trotzki beschimpft, von Hitler verbrannt und von Mussolini verboten wurde.

1988 war sehr flau, und das änderte sich auch nicht, als ich ein Buch von Lothar Baier herausgab, der u.a. über den Barbie-Prozeß in Lyon berichtete. Lothar Baier, auch ein Fixstern in meinem Koordinatensystem und ein extrem sympathischer und integrer Mensch, beging 2004 in Montreal Selbstmord. Und dann kam mein erstes selber geschriebenes Buch heraus, “Das Sterben der Phantome”, fünf Aufsätze über vergessene, aber dennoch spektakuläre Biographien. Es sah gut aus, lag gut in der Hand, und es gibt Leute, die behaupten, von den sieben Büchern, die ich bislang geschrieben habe, sei das das beste.

Die Umsätze ließ es jedoch nicht gerade in die Höhe schnellen. Ich mußte mir dringend etwas einfallen lassen. Und dank Eike Geisel gelang das auch: Er übersetzte verstreute und noch nie auf deutsch publizierte Aufsätze von Hannah Arendt. 1989 erschien als erster Band “Nach Auschwitz”, dessen Lektüre, ohne zu übertreiben, das Studium vieler Regalmeter Bücher über die Funktionsweise des Nationalsozialismus ersparte. Ein halbes Jahr später kam der 2. Band “Die Krise des Zionismus”, zu dem Henryk Broder ein Nachwort beisteuerte. Als Piper, der Verlag Hannah Arendts, die beiden Bücher und die nicht ganz unbeträchtliche Resonanz darauf registrierte, dürfte man in der Münchner Georgenstraße ganz schön mit den Zähnen geknirscht haben: Man hatte zuvor das Angebot Eike Geisels abgelehnt.

Wolfgang Pohrt lieferte 1989 seinen 4. und letzten Essay-Band ab, “Ein Hauch von Nerz”. Grund: Geschäftsaufgabe. In einer Zeit, in der die Protestbewegung mit ihren friedensbewegten Ausläufern die nationale Frage auf die Tagesordnung setzte und die Rechte ins Berliner Abgeordnetenhaus einzog, wurde Polemik obsolet, die Linke war höchstens noch Gegenstand einer anthropologischen Betrachtung. Pohrt machte weiter mit einer von Reemtsma finanzierten Studie, in der er in drei Bänden die “Elemente des Massenbewußtseins der Deutschen” untersuchte, die sich vor allem seit der Wiedervereinigung erheblich verändert hatten.

Ebenfalls 1989 erschien “Die Weltrevolution in 365 Tagen”, einem vom belgischen Surrealisten Marcel Mariën 1958 entworfenen Szenario, in dem eine Umwälzung nicht mit den üblichen kommunistischen Mitteln hervorgerufen werden sollte, sondern durch moderne Techniken der Propaganda und Werbung. Damals ein Gedankenspiel, heute Realität, seit der Börsenspekulant Soros ganze Länder destabilisieren kann. Es war das erste Buch des Verlags, das groß in der FAZ besprochen wurde, aber die Leser konnten offensichtlich nichts damit anfangen. Niemand fühlte sich animiert, das Buch zu kaufen.

1990 machte ich wieder eine großartige Entdeckung. Ich las in Konkret eine präzise Demontage des von allen verehrten Richard von Weizsäcker. Autor: Roger Willemsen. Ich fand seine Telefonnummer in London heraus und rief ihn an. Ich wollte – na was wohl? – ein Buch von ihm. Er kam nach Berlin, beguckte mich, was für ein komischer Vogel ich sei, und nachdem ich den Test bestanden hatte, sagte er zu. “Kopf oder Adler. Ermittlungen gegen Deutschland” machte Furore, obwohl Willemsen damals noch nicht fernsehbekannt war. Aber auch als er es dann war, beteiligte er sich immer wieder an Anthologien und brachte später seine journalistischen Arbeiten unter dem Titel “Bild dir meine Meinung” bei seinem “Lieblingsverleger” heraus. Jetzt ist er Bestsellerautor bei Eichborn und S. Fischer, ein echter Fortschritt nach seiner Fernsehkarriere.

Darüber hinaus hatte ich die Schnapsidee, den chronisch am finanziellen Abgrund entlang schrappenden Verlag zu sanieren und dachte mir eine “roman noir”-Reihe aus. Krimis waren damals groß im Kommen, bzw. schon wieder im Gehen. Rotbuch und die miesen Frauenkrimis des Argument Verlags hatten großen Erfolg, und von diesem Kuchen wollte ich ein Stück abhaben. Die Sache wurde ein totaler Flop, denn im Gegensatz zu meiner Annahme, Krimis würden nicht veralten, wären also ausgezeichnete Backlist-Titel, hatten sie genau wie alle anderen Titel ein saisonales Verfallsdatum von sechs Monaten. Am Ende hatte ich Glück, daß ich nicht pleite ging, obwohl sich unter den insgesamt zehn Titeln z.B. die grandiosen Krimis von Edgar Box alias Gore Vidal befanden.

Vor ein paar Jahren traf ich ihn auf der Buchmesse am Spiegel-Stand, wo er aus seinem Leben plauderte. Und ich dachte, ach, ist ja mal eine Gelegenheit, mich vorzustellen, aber nachdem ich ihm gesagt hatte, ich sei der deutsche Verleger seiner Krimis, guckte er mich nur verständnislos an und ich schlich betröppelt von dannen. Immerhin inspirierten mich seine Krimis, selbst einmal eine Krimi-Trilogie zu versuchen, die auf Empfehlung von Matthias Matussek (auch ein Tiamat-Autor, mit dem sich wunderbar über die Stasi streiten ließ, der er den persönlichen Kampf angesagt hatte) bei Rasch & Röhring erschien. Kurz nachdem der dritte Krimi ausgeliefert worden war, gab der R&R-Verlag seinen Geist auf.

Mit der Wiedervereinigung setzte eine gesellschaftliche Gärung ein. Nach Themen mußte man in dieser Zeit nicht fahnden. In der Linken hegte man damals die Befürchtung, die BRD würde durch die Einverleibung der Zone nicht nur wirtschaftlich zulegen, sondern sich politisch wieder zu einer Großmacht mausern, die sich üblen hegemonialen Bestrebungen hingebe. Ein Irrglaube, wie man später einsehen mußte, den aber schon im Frühjahr 1991 Robert Kurz in seiner ökonomischen Analyse “Honeckers Rache” offenlegte. Kaum hatte ich mit ihm das Buch vereinbart, hatte ich ratzfatz das fertige Manuskript, an dem kein Komma verändert werden mußte. Es war perfekt. Heute ist das leider anders: Auf das 1997 angekündigte Buch über die Globalisierung der Krise warte ich heute noch. Das ist Rekord. Noch ein paar Jahre, und es ist schon wieder ein zehnjähriges Jubiläum fällig. Nach unserem ersten Kontakt bot mir Kurz den “Kollaps der Modernisierung” an. Ich lehnte ab, weil ich wußte, daß dieser Wälzer bei mir nicht genügend Beachtung finden würde, weshalb ich ihm riet, das bereits fertige Manuskript an Enzensberger zu schicken, was er auch tat. In der Anderen Bibliothek wurde der “Kollaps” ein riesiger Erfolg.

Dafür profitierte ich wiederum bei Gabriele Goettles Büchlein “Freibank” im Herbst 1991 von Eichborn, denn es erschien im Windschatten ihres ersten Reportage-Bandes, das zusammen mit “Freibank” als Aufmacher in der FAZ-Buchmessenbeilage von Frank Schirrmacher in den Himmel gelobt wurde. Allerdings war die Freude darüber nicht ungetrübt. Am 2. Tag der Messe kam der TB-Chef Herr Balk von dtv an meinem Stand vorbei und machte mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. 20.000.- kritzelte er auf seine Visitenkarte. Aber es wurde nichts draus. Ich weiß nicht, was Herr Balk Eichborn geboten hatte, aber da dachte man wohl, daß sich aus dem plötzlichen Ruhm mehr herausholen ließe. Und da für dtv natürlich nur beide Bände im Paket interessant waren, blieb es bei der schönen Zahl. Und ich schätze, auch Eichborn dürfte sich später grün und blau geärgert haben, denn Gabriele Goettle dachte gar nicht daran, durch die Talkshows zu tingeln und Interviews zu geben, weshalb der Ruhm schnell wieder verblasste und die Garantiesumme fürs Taschenbuch nicht gerade gestiegen sein dürfte.

1991 war auch das Jahr des Golfkriegs und das Wiedererwachen der “edlen Seelen” der Friedensbewegung. Broder und Geisel, mit denen ich damals häufig zusammen war, um die neuesten Storys und Ereignisse durchzukauen, halfen mir bei den “Liebesgrüßen aus Bagdad”, in dem wir Argumente gegen Saddams Überfall auf Kuwait sammelten und vor allem aus Gründen der Drohung des Diktators, Israel mit giftgasbestückten Scudraketen anzugreifen, für die Amerikaner eine Lanze brachen. Gegen die Friedensbewegung wurde auch polemisiert, weil die so tat, als würden die Amerikaner Bomben über Kreuzberg abwerfen. Enzensberger war mit seinem umstrittenen Essay vertreten, der, egal was man von ihm hielt, zumindest originell und gut begründet war, außerdem Henryk Broder, Eike Geisel, Cora Stephan, Jörg Friedrich, Amos Oz, Ralph Giordano u.a. Gern hätte ich auch Wiglaf Droste gewonnen. Er lebte damals als Titanic-Redakteur in Frankfurt und ich telefonierte manchmal stundenlang mit ihm, aber ihn störte, daß die Kritik der Friedensbewegung in der Öffentlichkeit als Entlastung für Georg Bush interpretiert werden könnte. Und er hatte recht. Die Ablehnung war erstaunlich, und als Broders Artikel auf Intervention von Karasek im Spiegel erschien, boten die Gegner in der Redaktion gleich drei Kandidaten auf – und das war und ist bis heute wirklich einzigartig -, die sich wie Schwarzer und Ströbele um Kopf und Kragen schreiben durften.

Ende 1991 fragte ich Jan Philipp Reemtsma, ob ich seine meist in Konkret abgedruckten Texte in einem Buch bündeln dürfte. Ich durfte. In seinem Hamburger Büro an der Binnenalster machten wir die Sache perfekt. Alles sehr gediegen. Und so wurde auch das Buch: Gebunden mit Schutzumschlag. Und weil es das erste Buch in dieser Ausstattung bei Tiamat war, dachte ich, es würde nicht in die Paperback-Reihe Critica Diabolis passen, was Quatsch war, denn inhaltlich hätte sich die Reihe mit diesem Band schmücken können, abgesehen davon, daß später noch viele Bücher in gebundener Aufmachung erschienen.

Im Herbst 1992 hatte ich dann eine schlimme Collagenphase, jedenfalls schnibbelte und klebte ich für neue Bücher von Pohrt, Geisel, Kurz und Gerd Henschel fürchterliche Titelbilder. Henschel hatte einen sehr lustigen Artikel über die nervige Schwerter-zu-Pflugscharen-Opposition in der DDR verfaßt, und er ließ sich nicht zweimal bitten, bei mir mit “Menschlich viel Fieses” die extended version in schmaler Buchform zu veröffentlichen. Henschel war zu der Zeit noch bienenfleißiger als heute, wo er dicke Wälzer über seine Kindheit bei HoCa schreibt. Damals veröffentlichte er gerüchteweise bis zu 20 Bücher im Jahr und tausende von Artikeln in den unterschiedlichsten Zeitungen, im betulichen Merkur genauso wie in der FAZ und der Titanic, wo man ihn dann klugerweise als Redakteur einstellte, um Autorenhonorare zu sparen, denn Henschel konnte locker unter Zuhilfenahme einiger Pseudonyme ein ganzes Heft vollschreiben. Mit diesem Buch öffnete sich der Verlag für etwas, das fälschlicherweise für Satire gehalten wird, vielmehr aber hemmungslos überzogene und spöttische Kritik ist, darauf aus, den Gegenstand nicht nur zu desavouieren sondern auch lächerlich zu machen. Da jede ernsthafte Kritik höchstens goutiert, eher aber ignoriert wird, dachte ich, daß man die Leute wenigstens etwas ärgern könnte. Und das gelang dann auch. Die Menschenrechtler waren menschlich schwer enttäuscht.

Eine weitere Gelegenheit zum Ärgern ergab sich im Frühjahr 1993 mit der Anthologie “Der rasende Mob. Die Zonis zwischen Selbstmitleid und Barbarei”, eine Reaktion auf Hoyerswerda, auf Rostock, auf die weinerliche Tour der DDRler, die sich über den Tisch gezogen fühlten, nachdem ihnen der Anschluß gar nicht schnell genug gehen konnte. Pohrt hatte in “Das Jahr danach” mit seiner Analyse der Zonis und ihrer rechtsradikalen Neigungen die Vorlage geliefert. “Der rasende Mob” spielte bewußt mit den wachsenden Ressentiments im Westen und lieferte gute Argumente, um Zwietracht zwischen den Brüdern und Schwestern zu säen. Ein ard-Team kam zu mir in die Grimmstraße, um mich für Wickerts Tagesthemen zu interviewen. Vor Aufregung brachte ich keinen vernünftigen Satz zustande, dennoch schaffte es der Redakteur, etwas in den dreiminütigen Kurzbericht hineinzuschneiden. Seitdem kann ich behaupten: Ich war schon mal in den Tagesthemen. Und der Kommentar des Redakteurs Jörg Sadrozinskis war werbemäßig grandios: “Das Buch ist verletzend, einseitig und ungerecht… Eine gelungene Provokation. Das Buch hat gute Chancen, die Bibel des Besserwessis zu werden. Motzki auf 144 Seiten.” Es war das erste “Zonenbashing-Buch”, von dem später noch einige erscheinen sollten. Die Resonanz war beträchtlich. Der Bundespräsidentenkandidat Jens Reich schäumte. Er hatte verstanden, daß das Buch tatsächlich so gemeint war, während man im Westen das Buch fälschlicherweise für Satire hielt.

Ich war schon längere Zeit begeistert von den Reportagen von Jane Kramer, die für den New Yorker aus Europa berichtete. Vor allem ihre “Briefe” aus Deutschland waren von einer sehr subtilen Ironie, manchmal auch schön sarkastisch. Ich hatte auch ihren 500-Seiten-Wälzer “Europeans” gelesen, ihre Arbeiten aus den siebziger und achtziger Jahren. Gerne hätte ich eine Auswahl gemacht, aber ich wußte, es würde ein Flop werden. Also brachte ich ihren damals gerade im New Yorker veröffentlichten langen Berichts über die Prenzlauer Bergszene. Kurze Zeit später erschien eine Auswahl ihrer Aufsätze in der Anderen Bibliothek und Jane Kramer erhielt den europäischen Essay-Preis “Charles Veillon”. Die Resonanz war umwerfend. Vom Eichborn-Band gab es eine Erfolgsausgabe, bei Tiamat nicht. “Eine Amerikanerin in Berlin” war allerdings auch nur ein schmales Paperback. Aber auch als ich drei Jahre später eine schöne gebundene Ausgabe mit Kramers Deutschland-Reportagen brachte, war die Presse euphorisch, das Publikumsinteresse eher mau, was mich aber nicht davon abhielt, 2003 ein weiteres Buch von ihr zu bringen: “Der einsame Patriot”.

Im Herbst 1993 sollte dann “Das Blöken der Lämmer. Die Linke und der Kitsch” erscheinen, das mir Gerd Henschel und Wiglaf Droste angetragen hatten. Das Titelbild steuerte F.W. Bernstein bei, ein Wal vor Sonnenuntergang, weshalb das Buch eigentlich “Das Singen der Wale” hätte heißen müssen. Während Henschel bienenfleißig Material und Texte zusammentrug, wuchsen bei Wiglaf Droste die Vorbehalte gegen das Thema. Nach langem Zögern schmiß er die Brocken hin, das Buch verzögerte sich ins nächste Jahr hinein und zwang mich zu einem der wenigen redaktionellen Beiträge in der Büchervorschau, auf die ich im Unterschied zu anderen Verlegern, die sich bei solchen Gelegenheiten gerne auf die eigene Schulter klopfen, gerne verzichte. Eckhard Henscheid schrieb dafür ein tolles Nachwort. Henschel hatte unerträglichen linken Kitsch ausgebreitet und damit Erfolg. Sogar La Stampa brachte eine größere Sache über “La sinistra e il Kitsch”. Karasek ließ im Spiegel seiner Begeisterung freien Lauf und machte aus dem Büchlein einen kleinen Bestseller.

Und ein anderer folgte auf dem Fuß. Das mit Gerd Henschel herausgegebene “Wörterbuch des Gutmenschen”, in dem die “moralisch korrekte Schaumsprache” abgehandelt wurde. Es rief kontroverse Echos hervor. Diedrich Diederichsen kritisierte die “taktisch bekloppte Gutmenschenverspottung”, ohne auf den Inhalt einzugehen, und Friedrich Schorlemmer schäumte über “diese kaltschnäuzigen Zeitanalytiker ohne Arsch in der Hose”. Wolfgang Schäuble hingegen zitierte mich in seinem 1994 erschienenen “Und der Zukunft zugewandt” ausführlich und zustimmend. Hieß das, daß wir Beifall von der falschen Seite bekommen haben? Zumindest hieß es, daß Konservative manchmal klüger sind als Linke. Was allerdings nicht ganz abgestritten werden konnte, war, daß die sogenannten Gutmenschen ihre Hegemoniestellung aus der Friedensbewegungszeit inzwischen verloren hatten. Zwar hatten sie durchaus noch Einfluß und nervten auch ganz gehörig, aber der Zeitgeist kam mittlerweile aus einer anderen Richtung, an den sich Leute wie Klaus Rainer Röhl anzuflanschen versuchten mit einem auf die Schnelle zusammengeschusterten “Deutschen Phrasenlexikon”. Aus diesem Grund gab ich zusammen mit Wiglaf Droste im Herbst 1995 einen 2. Band des “Wörterbuchs des Gutmenschen” heraus, in dem dezidiert auf die Gesinnungssprache dieses Zeitgeists eingegangen wurde, wie z.B. “dem Ansehen Deutschlands schaden”, “mit Nazis reden”, “nicht den Rechten überlassen”. Das wollten dann schon weniger Leute wissen.

Wieder einmal angeregt durch Wolfgang Pohrt und seine “Harte Zeiten”, den dritten Band seiner Studie über das Massenbewußtsein der Deutschen, gab ich “Serbien muß sterbien” heraus. In dem vor sich hinschwelenden Konflikt in Jugoslawien hatte sich die Öffentlichkeit an einem bestimmten Punkt entschlossen, die Serben zu den Buhmännern zu machen. Artikel über Massaker und Massenvergewaltigungen häuften sich, vorausgesetzt sie wurden von serbischen Milizen begangen. Aber dann kam heraus, daß man bei der Greuelpropaganda manchmal etwas nachgeholfen hat, um den Anforderungen auf dem deutschen Markt zu entsprechen. Ich bündelte die kritischen Stimmen in diesem Buch, machte mir jedoch keine Hoffnungen auf große Resonanz. Darin täuschte ich mich. Es wurde der 3. kleine Bestseller innerhalb kurzer Zeit. Das Buch sprach sich in serbischen Zirkeln herum, und zwar nicht nur in nationalistischen Kreisen. Ich glaube, daß “Serbien muß sterbien” das Buch mit der größten Verbreitung in der “normalen Bevölkerung” war, allerdings nicht in der deutschen, sondern in der restjugoslawischen. Im Wedding lernte ich solche Leute kennen. Da hatte man mich zu einem Verein jugoslawischer Gastarbeiter eingeladen, die mir von ihrer neuen Rolle als Sündenböcke erzählten. Ich kam mir wie der Messias vor. Sechzig Leute waren anwesend, sie kauften sechzig Bücher, jeder eins, und ich mußte alle signieren.

In Österreich hatten sich die Autoren und Bücher ebenfalls herumgesprochen. Im Profil, dem österreichischen Spiegel, erschien eine dreiseitige Geschichte. Das haben meines Wissens auch nicht so viele Leute geschafft. Damals erhielt ich dann auch noch den einzigen Preis meines Lebens, den “Viva-Maria-Preis”, der immerhin mit 3333.- Mark dotiert war und auf die Initiative von Dieter Bott zurückging, der das Preisgeld zusammenschnorrte, um Leute, die nicht in der Spur liefen, zu würdigen. Als Urkunde erhielt ich eine Postkarte, auf der mit rotem und grünen Filzstift einfach nur hingekritzelt war: “Viva Maria Preis – 1994 – Klaus Bittermann”.

Mittlerweile füllte sich pro Jahr ein Leitz-Ordner mit Rezensionen. Es ging aufwärts. Ich konnte 1995 nun auch mal ein größeres Projekt in Angriff nehmen, wie z.B. die bislang unveröffentlichte Betrachtung “Die Zukunft von gestern” von Harry Mulisch, der Entwurf eines Szenarios, in dem Deutschland den Krieg gewonnen hatte. Ein Jubiläumsband. Die Nummer 50 der Reihe Critica Diabolis. Drei Stunden hechelte ich mit Harry Mulisch telefonisch die letzten Korrekturen durch. Danach war mein linkes Ohr taub. Nach seinem Roman-Bestseller “Die Entdeckung des Himmels” lief dieses Buch eher bescheiden, obwohl grandiose Kapitel über einen Besuch der Wagner-Oper und ein Gespräch mit Albert Speer enthalten sind.

Ähnlich erging es dem von Eike Geisel übersetzten Buch von Rebecca West über die Nürnberger Prozesse, die sich gerade zum 50. Mal jährten. Mir gefiel der sarkastische Ton, den sie anschlug. Aber da war ich wohl einer von wenigen. Zum ersten Mal hatte ich ein Buch auf ein Jubiläumsereignis hin produziert und machte nun die Erfahrung, daß die Nachfrage danach ganz schnell von Hundert auf Null sinken kann. Jahre später kam in der Anderen Bibliothek eine erfolgreiche Textanthologie zu dem Thema heraus, und ich durfte wieder einmal darüber grübeln, woran das lag.

Schließlich konnte ich den bei Nautilus publizierenden Wiglaf Droste überreden, mit dem schmalen Bändchen “Brot und Gürtelrosen” bei Tiamat fremd zu gehen. Darüber war ich sehr glücklich, weil ich seit Jahren ein großer Bewunderer seiner taz-Kolumnen war und schon lange damit liebäugelte, meine Critica Diabolis-Reihe mit einem Buch von ihm zu schmücken. Da wir einige Jahre zusammenwohnten, heckten wir vieles gemeinsam aus. Ich lernte viele neue Leute über Wiglaf kennen, was das Verlagsprogramm nicht unerheblich beeinflußte. “Brot und Gürtelrosen” war dann ein Grund dafür, daß Wiglaf sich mit seinem alten Verlag zerstritt, denn schließlich, so behauptete Nautilus, habe man ihn “erst groß gemacht”, wobei umgekehrt eher ein Schuh draus wurde. Seither sind vier weitere Kolumnen-Bände als Hardcover erschienen, alles Meilensteine auf der Bücherstrecke, die Tiamat zurückgelegt hat. Im Frühjahr 1996 konnte ich Mathias Wedel für einen Nachfolgeband seines bei Rowohlt-Berlin erschienenen “Einheitsfrust” gewinnen, der 1994 für einen heftigen Sturm im Feuilleton gesorgt hatte. Danach wurde Wedel von der Super-Illu (wenn ich mich recht erinnere) als IM entlarvt. Ich fand, daß das, was er schrieb, durch diese Enthüllung nicht schlechter wurde, und deshalb betätigte ich mich gerne als Resozialisierungshelfer. In den Medien zeigte man sich pikiert, das Buch wurde in der Regel eher mit spitzen Fingern angefaßt. Das war beim wunderbaren Episoden-Band und Erziehungsberater “Wie ich meine Kinder mißbrauchte” nicht anders.

Ich hatte schon länger die Absicht, ein Buch über ein Fußball-Thema zu machen. Jetzt wurde was draus. Es ging über Fußballexperten, über die “Reporter des Grauens”. Denn unter was hatte man als Fußballgucker wohl am meisten zu leiden? Offensichtlich stand ich mit dieser Einschätzung nicht allein, denn diese Anthologie wurde ein Hit. Zusammen mit dem Mitherausgeber Jürgen Roth handelten wir nach einem ähnlichen Rezept die Bestsellerliteratur und die Talkshows ab. Mit dem “Großen Rhabarbern” machte ich einen kleinen Ausflug in den Boulevard. Nicht nur der Spiegel brachte eine große Geschichte, auch die BZ veröffentlichte völlig überraschend einen 2-Seiten-Bericht und setzte in einer Photomontage meinen Kopf auf den Körper von Henry Maske. Der Punching-Ball bestand aus Köpfen von diversen Talkshow-Meistern. Das war fast schon so gut, wie in der Bunten dreimal hintereinander als “Leute von gestern” bezeichnet zu werden, wie Harry Rowohlt das – aber auch nur angeblich – passiert ist. Das wiederum brachte mir eine Einladung in der sfb-Talkshow “Alex” ein, in der ich Gelegenheit hatte, mich kräftig zu blamieren, wobei die inzwischen verstorbene Juliane Bartels mir schon vor der Sendung zu verstehen gab, daß sie das alles viel besser gekonnt und ich als Außenstehender sowieso keinen blassen Schimmer hätte. Womit sie vermutlich recht hatte.

Im Herbst 1996 unternahm der Verlag einen kurzen Ausflug in die Belletristik. Fanny Müller und Susanne Fischer hatten “Kriminelle Briefe nachgelassener Frauen” zu einer grandiosen Mordgeschichte komponiert, die dann von Brigitte für den weihnachtlichen Gabentisch empfohlen wurde. Auf der Buchmesse quatschte gleich am frühen Morgen eine unglaublich lebhafte Blondine auf mich ein. Ich war noch nicht richtig wach, aber immerhin ich kriegte mit, um was es ging. Sie hatte am Abend vorher “Stadt Land Mord” gelesen und war derart begeistert, daß sie für mich die TB-Rechte verkaufen wollte. Eine Verrückte, dachte ich, aber mach nur. Sie war natürlich nicht verrückt, sondern damals für die Lizenzen von Haffmans zuständig. Als die quirlige Nadja Kossack den Deal unter Dach und Fach gebracht hatte, mußte ich mir fürs kommende Jahr erstmal keine Sorgen mehr machen. Und dann hatte ich auch noch das Glück, daß Fanny Müller aufgrund der Pleite ihres alten Verlags zu mir wechselte, wo mich im Herbst 1997 ihr erster und giftgrüner Kolumnenband begeisterte.

Dann kam Guy Debords “Die Gesellschaft des Spektakels” heraus, der bis heute beste Backlisttitel des Verlags. Das Buch hatte bereits zwei Übersetzungen hinter sich, eine schlechte und eine mit vielen Druckfehlern, die bei Nautilus erschienen war. Guy Debord, der sich 1994 umgebracht hatte, war darüber nicht sehr glücklich. Der Übersetzer Jean-Jacques Raspaud, dessen Lebenswerk darin bestand, eine korrekte Übersetzung dieses Buches herauszubringen, hatte sich an mich gewandt. Ich hatte nichts dagegen, denn meine Beschäftigung mit den Situationisten dauerte mittlerweile schon über zwanzig Jahre, und dies war schließlich das Hauptwerk, an dem auch Enzensberger für seine Andere Bibliothek Interesse bekundete. Damit wirklich nichts schief ging, schickte mir Raspaud fertige, von ihm persönlich hergestellte Filme. Rudolf Walther schrieb eine große Besprechung in der Frankfurter Rundschau mit dem Titel “Der Agent der Subversion”. Der FR schien “Subversion” zu subversiv zu sein und titelte kurzerhand ein “Der Agent der Subvention”. Von Debord erschien auch noch ein weiteres Buch, das von einigen Spezialisten als das schönste Buch des Verlags bezeichnet wird. “Panegyrikus”, die Erinnerungen Debords, ein schmales Bändchen und stilistisches Meisterwerk, mit einem schönen Kapitel übers Trinken.

Im Frühjahr 1997 gelang es mir, Wolfgang Pohrt dazu zu bringen, eine im Auftrag des Hamburger Instituts angefangene, aber nicht abgeschlossene Studie als Buch fertig zu stellen. Sie kam unter dem Titel “Brothers in Crime” heraus, und der Untertitel ließ keinen Zweifel über den Inhalt aufkommen: “Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit. Über die Herkunft von Gruppen, Cliquen, Banden, Rackets und Gangs”. Wahrscheinlich war es nicht populär genug wie beispielsweise Dagobert Lindlaus “Der Mob” oder die Bücher des Jürgen “Mafia” Roth, und wahrscheinlich sind die beschriebenen Aussichten den meisten zu depimierend, aber es ist eins der wichtigstens Bücher des Verlags.

Über Wiglaf Droste hatte ich den Dortmunder Dichter und Kabarettisten Fritz Eckenga kennengelernt, mit dem ich mich auf Anhieb gut verstand, was ja bei Autoren manchmal ein bißchen schwierig ist. Außerdem verband uns eine gemeinsame alte Liebe zu Borussia Dortmund. Mit Texten war er schon seit den Siebzigern zugange, hauptsächlich für den Rundfunk und auf der Bühne, jetzt gab er als Buchautor sein Debüt. In Dortmund weltberühmt sorgte er mit seinen Auftritten in Nordrheinwestfalen dafür, daß das schmale Buch zu einem kleinen Kassenschlager wurde.

Mit dem Kabarettisten Wolfgang Nitschke war es ganz ähnlich. Mittlerweile bei Band IV seiner “Bestsellerfressen”-Orgien angelangt, verkauft Nitschke einen großen Teil der Auflage über seine Lesungen. Elke Heidenreich hatte mir mit der ihr eigenen straksen Unerbittlichkeit mehr be- als empfohlen, diesen Mann unbedingt zu publizieren. Ich besuchte ihn in Köln, als ich im Deutschlandfunk zu einer zweistündigen Diskussion über die Gutmenschen eingeladen worden war und mir schon nach einer Stunde nichts mehr zu dem Thema einfiel. Wolfgang Nitschke hatte in seinem Regal fast die gesamte Critica Diabolis-Reihe wie am Schnürchen aufgereiht und alles gelesen. Wer macht denn sowas, dachte ich, war nichtsdestotrotz tief beeindruckt. Seither kann ich ihm keinen Wunsch abschlagen.

Im Herbst 1997 startete ich ein Jahrbuch mit dem genialen Titel “Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht. Das Who’s who peinlicher Personen”, von dem fünf Folgen erschienen und das begeisterte Zustimmung einheimste, weil die übers Jahr auffällig gewordenen Nervensägen der Nation bespöttelt wurden. Eine Klage, wie viele vermuteten, gab es jedoch nie, denn es wurde darauf geachtet, daß sich selbst die gemeinste Beleidigung aus eigenen Äußerungen herleiten ließ. Fritz Tietz, einer der Hauptbeiträger, und ich gingen damit auf Tournee und machten uns als sogenanntes “Kassengift” einen Namen.

Im Frühjahr 1998 erweiterte ich mein Repertoire um ein Filmbuch. “Ich & John Wayne” vom Merkur-Herausgeber Kurt Scheel mit Preziosen über Filme und Genres, das es mit den Büchern der berühmten amerikanischen Filmkritikerin Pauline Kael aufnehmen konnte. Außerdem erschien eine sehr lustige Persiflage auf die Bestseller von Ute Ehrhardt mit dem Titel “Böse Mädchen kommen überall. Eine schonungslose Bestandsaufnahme weiblicher Verhältnisse zwischen Realität und Wirklichkeit”. Aber der Zaunpfahl war nicht groß genug. Nicht wenige beschwerten sich über Ungereimtheiten. Im Frühjahr gab ich auch einen Nachlaßband mit Artikeln meines Freundes Eike Geisel heraus, der im August 97 gestorben war, nachdem er zwei Jahre im Koma gelegen hatte. An den sechs Seiten Nachwort knobelte ich Monate herum, bis schließlich auch Wolfgang Pohrt damit zufrieden war, der freundlicherweise darauf achtete, daß ich keinen Quatsch schrieb.

Eineinhalb Jahre, nachdem die Anthologie mit Bestsellerverissen unter dem Titel “Sorge dich nicht, lese!” erschienen waren, fühlte sich der Scherz Verlag in seiner den Titel betreffenden Urheberrechtsehre verletzt. Scherz verdiente sich mit dem besonders schwachsinnigen Lebenshilferatgeber “Sorge dich nicht, lebe!” von Dale Carnegie schon seit Jahrzehnten dumm und dämlich. Eine noble Anwaltskanzlei, die in München zu den ersten Adressen gehörte, machte mir die Hölle heiß und setzte einen Streitwert fest, bei dem ich sowieso nur noch den Finger hätte heben können. Ein paar Monate lang hielt mich die Sache ziemlich in Atem, da der Scherz Verlag sich wenig kompromißbereit zeigte und alles den Anwälten überließ.

Auf der Buchmesse erzählte ich Joseph von Westphalen davon, der sein Herz für die Erniedrigten und Beleidigten entdeckte und in der Süddeutschen Zeitung eine furiose Verteidigungsschrift für mich verfaßte, die dafür gesorgt haben dürfte, daß den Scherzanwälten der Morgenkaffee wieder hochkam. Dennoch durfte ich die Restexemplare nicht mehr verkaufen, was in solchen Fällen üblicherweise gestattet wird, weshalb ich den Titel in “Fürchte dich nicht, lese!” umbenannte. Eigentlich dachte ich an “Sorge dich nicht, scherze!”, aber davon riet mir mein Anwalt ab. FAZ, taz, Tagesspiegel und Spiegel berichteten ebenfalls über den Fall. Scherz war blamiert und gab klein bei. Was anderes blieb ihnen gar nicht übrig, denn in der Buchhandels- und Verlagsbranche war man einhellig empört, und ich erhielt zahllose Solidaritätsbekundungen. Die Edition Tiamat wurde zum ersten Mal von einer breiteren Branchenöffentlichkeit wahrgenommen.

Und dann waren auch schon 20 Jahre seit der Anmeldung des Verlags beim Gewerbeamt rum. Davon zehn Jahre seit der Wiedervereinigung, was mich veranlaßte, eine Rückschau zu halten. “It’s a Zoni. Die Ossis als Belastung und Belästigung” hieß der Nachfolgeband von “Der rasende Mob” und wirbelte noch einmal nationalen Staub auf. Der Kabarettist Werner Schneyder verlor die Contenance. Er fand das Buch “blöd und zudem noch widerlich”. Zusammen mit Thomas Deichmann entstand im Herbst 1999 unter internationaler Autorenbeteiligung “Wie Dr. Joseph Fischer lernte, die Bombe zu lieben”, ein Beitrag zur Würdigung des seit dem 2. Weltkrieg ersten deutschen Angriffskriegs auf Serbien, der vom Außenminister als “Widerstand” uminterpretiert wurde. Nachdem man den Kosovo befreit hat, ist man um einen neuen Krisenherd reicher geworden. Von Wiglaf Droste sollte “Brot und Gürtelrosen” in einer Jubiläumsausgabe neu aufgelegt werden. Daraus wurde schließlich mit “Bombardiert Belgien!” ein neuer Band.

Derart gestärkt ging es ins neue Jahrtausend. Achim Greser, der zusammen mit Heribert Lenz sich in der FAZ einen Scherz mit Scherz erlaubt hatte, eröffnete mit seinen intimen Einblicken in das Leben des Führers eine weitere Sparte bei Tiamat. Die Karikaturen in “Der Führer privat” mit einem Nachwort Wiglaf Drostes, der nicht weniger präzise als Achim Greser die Lächerlichkeit Hitlers bloßstellte, wurden für ein Buch dieser Art sehr häufig besprochen. Sogar in der Washington Post, im Sunday Telegraph und auf der Homepage der BBC fand das Werk Beachtung. Durfte man mit diesem Thema so umgehen? Dazu wurden sogar jüdische Einrichtungen befragt. Aber klar durfte man. Achim Greser hatte Hitler als Witzfigur präsentiert, eine Dimension, die vielen verborgen geblieben war, weil sie eigentlich noch schwerer zu ertragen war als Hitler in der Rolle als Schreckensmann, denn als Witzfigur wurde seine Verehrung durch die Deutschen noch unverständlicher und noch peinlicher.

2000 landete ich einige Flops, weshalb ich im Frühjahr 2001 dringend wieder ein paar Titel brauchte, die das Finanzloch stopfen würden. Schon vor etlichen Jahren hatte ich “England’s Dreaming” von Jon Savage gelesen, die definitive Geschichte der englischen Punkbewegung, für die ich seit Anfang der Achtziger, als der Punk auch nach Berlin schwappte, ein Faible hatte, denn es handelte sich um eine viel radikalere, allerdings auch nihilistischere Revolte gegen die Verhältnisse, als es die 68er Bewegung war. Nun war sie mit 25 ins Alter gekommen. Genau die richtige Gelegenheit, dieses Buch auf deutsch herauszubringen, das ich bislang als ein paar Nummern zu groß für mich eingeschätzt hatte. Mit ihm setzte ich alles auf eine Karte. Übersetzung von der Chaotin Conny Lösch, Lizenzen, Diskographie, 544 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Dafür war 58 Mark nicht viel, aber es war ein Risiko, denn man konnte nicht davon ausgehen, daß der gemeine Punk soviel Geld locker machen würde. Aber es gab tatsächlich welche, die wissen wollten, wie alles anfing. Ein riesiges Projekt, das ich nur mit Hilfe des sich selbstlos für den Verlag in die Bresche werfenden Ule Will über die Bühne brachte. Marcel Vega von Tom Produkt organisierte eine Lesereise mit dem Autor und eine Kooperation mit den jeweiligen Stadt-Magazinen. Das Pressecho war aufgrund des Jahrestages überwältigend. Das Buch war über das Jubiläum hinaus ein guter Backlist-Titel, von dem es sich sogar lohnte eine Paperback-Ausgabe zu machen.

Danach herrschte wieder Flaute und ich brauchte eine neue Idee. Die Idee war, den begnadeten Erzähler Harry Rowohlt auf Band sprechen zu lassen, da er nach der Zeit-Kolumne “Pooh’s Corner” keine Lust mehr hatte zu schreiben. Das Problem war, einen geeigneten Gesprächspartner zu finden. Ich fragte Gerd Henschel, aber der lehnte höflich ab. Dann fiel mir endlich die naheliegende Lösung ein: Ralf Sotscheck, denn beide verband ihre Liebe zu Irland. Ralf war sofort einverstanden. Also besuchte ich mit ihm zusammen Harry auf der Buchmesse bei Kein & Aber, wo er gerade stolz seine Goldene Schallplatte für 250.000 verkaufte “Pu der Bär” herumzeigte und blendende Laune hatte. Er sagte sofort zu. Es war eine Heidenarbeit, die Bänder zu transkribieren und zu bearbeiten, und wenn mir nicht fleißige Hände von Anne Siedler und Ule Will unter die Arme gegriffen hätten, würde ich womöglich heute noch an dem Buch herumbröckeln, denn weit lieber sind mir fertige Manuskripte, die sich einfach wegdrucken lassen. Außerdem gab es noch die eine oder andere Widrigkeit, die mich an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachte, aber dann war es fertig, und ich wußte, es war gut.

Es war sogar sehr gut. Auf der folgenden Buchmesse standen die Verlage Schlange, um die Taschenbuch-Rechte zu bekommen. Ich versteigerte sie und es war ein schönes Dagobert-Duck-Gefühl, mit jedem Gebot wieder über Nacht um eine nicht unerhebliches Sümmchen reicher geworden zu sein. Als die Sache dann zum Abschluß kam, gab ich den beiden Autoren Bescheid. Harry befand sich gerade in Fürth und am Abend wußten dann auch die “Fäddä”, wie die Einwohner der Stadt sich selber nennen, daß er jetzt auf seine alten Tage wohl noch gezwungen sei, sich ein Motorrad zuzulegen. In Wirklichkeit hat Harry keine Probleme, sein Geld anzulegen, beispielsweise unterstützt er den notleidenden Wiener Kollegen Hermes Phettberg, wie er mir einmal verriet, als ein ordentlicher Alkoholpegel seine vornehme Zurückhaltung einen Moment außer Kraft setzte, und das kann man ruhig mal erwähnen. Außerdem ließ er sich in meinen Club der letzten Gerechten im Roten Salon der Volksbühne einladen und zu diversen Gemeinschaftslesungen überreden, obwohl eine Solo-Veranstaltung weit lukrativer ist, und das fand ich ebenfalls einen überaus netten Zug an ihm. Auf diesen Lesungen erzählte er dann immer eine Geschichte über seine “vergeigten Memoiren”, derzufolge wir, also Ralf, Harry und ich, uns wegen der zahlreichen Fehler im Buch auf folgende Version geeinigt hätten. Die Bänder seien von polnischen Spargelstecherinnen transkribiert worden, und zwar in der Nachsaison, rein phonetisch. Und dafür ist es doch ganz gut.

Einen Abstecher ins überall ins Kraut schießende Sprech-CD-Geschäft machte ich auch, denn man soll schließlich keine Dummheit auslassen. Genau an meinem 50. Geburtstag im Frühjahr 2002 sprachen Wiglaf Droste und Katharina Thalbach “Das große Umlegen” von Dashiell Hammett ein. Eine wunderbare Geschichte, eine wunderbare CD, wunderbare Stimmen, und der anschließende Abend, als sich Katharina Thalbach mit drei Schnäpsen hintereinander die Kante gab und von Detlef Buck nach Hause chauffieren ließ, tröstete über den mageren Verkauf hinweg. Eigentlich sollte Hammetts Fortsetzungsgeschichte “$ 106.000 Blutgeld” auch noch erscheinen, aber darauf mußte ich aus Gründen des absehbaren Ruins verzichten.

Diesem näherte ich mich dann trotzdem, weil ich in der Folge einige Titel aus dem Englischen herausbrachte, wie Michela Wrongs exzellentes Buch über den Kongo, das einem Ryszard Kapuscinski zur Ehre gereicht hätte, und Richard Grants Reportage über amerikanische Nomaden, (beide Titel waren sehr erfolgreich auf dem englischen und amerikanischen Buchmarkt). Diese Bücher erinnerten mich daran, daß die Verlagsstruktur einfach nicht ausreicht, um ihnen den Erfolg zu verschaffen, den sie verdienen und unter anderen Umständen auch gehabt hätten, z.B. wenn sie in der Anderen Bibliothek erschienen wären, wo sie zweifellos auch gut hingepaßt hätten.

Beim Lunch und unter Zuhilfenahme einiger Prosecco vereinbarte ich mit Guillaume Paoli und Mila Zoufall für den Herbst 2002 ein Buch mit den Aufrufen, Manifesten und Faulheitspapieren der Glücklichen Arbeitslosen. Obwohl ich nicht an einen großen Erfolg glaubte, machte ich das Buch, weil mir die beiden auf Anhieb sympathisch waren und weil der an der situationistischen Theorie geschulte Guillaume eine wirklich erhellende und originelle Kritik der Arbeit und der Arbeitsmarktpolitik entworfen hatte. Und er verstand es, sie überzeugend und überraschend zu formulieren, von einer Position aus, die allein schon für Aufregung sorgte, weil man Arbeitslosigkeit nicht gerade mit Glück assoziierte. Die Resonanz hatte ich nicht erwartet. Henryk Broder schrieb zwei Seiten im Spiegel, großzügig bemessene Artikel erschienen auch in Libération, eine Lizenz wurde nach Schweden verkauft, Sloterdijk empfahl das Buch in seiner philosophischen Faselsendung und in Bild wurde Guillaume als “frechster Arbeitsloser Deutschlands” dem Neid des Volkes preisgegeben. Anfragen aus Rundfunk, Fernsehen und von Veranstaltern prasselten auf Guillaume nieder.

Bis auf einen neuen Kolumnen-Band von Wiglaf über den “Infraroten Korsar”, wie er seinen kleinen Laptop und ständigen Begleiter auf Reisen zärtlich nennt, war 2003 eher desaströs, das Geld aus dem Harry-Fonds ging zur Neige, und ich muß mir mal wieder was überlegen. Dabei besteht ja das Problem nicht darin, keine Idee zu haben, sondern etwas zu finden, was den Autor und mich reich und glücklich macht. Das wird immer schwieriger. Die Krise hat den Buchhandel verspätet erreicht, bzw. die Buchhändler merkten zu spät, daß die Krise auch an ihnen nicht spurlos vorüber geht. Bei den Verlagen wird fleißig überproduziert, und damit einher geht eine neue Konzentration, die schon seit längerem daran zu erkennen ist, daß man oft nicht weiß, welcher Verlag gerade zu welchem Konzern gehört. Die Bücher unter die Leute zu kriegen, wird schwieriger, der Aufwand, den man dafür betreiben muß, größer. Wenn man weiß, daß sich von bestimmten Titeln vor wenigen Jahren noch fünf Mal soviel verkauft haben wie heute, könnte man leicht selber die Krise kriegen, weil es einfach schade ist, daß man sich bestimmte Projekte, die man gerne machen würde, abschminken muß. Und erheiternd ist es auch nicht gerade, daß nicht wenige und sehr gute Autoren, die ich kenne und mit denen ich befreundet bin, quasi am Hungertuch nagen. Es sieht jedenfalls so aus, als ob es immer weniger Leute gibt, die meine Präferenzen teilen, und immer mehr, die Bohlen, Grass, Effenberg und Walser für das non plus ultra halten. Kann aber auch sein, daß ich mich täusche und langsam zu geschmäcklerisch werde. Immer mehr jedenfalls findet man die guten Bücher im Ramsch, und das ist ein schlechtes Zeichen.

Aber ich will nicht jammern. Solange ich mich mit einigermaßen vernünftigen Büchern über Wasser halten kann, hat der Job ja auch durchaus gute Seiten. Man hat mit interessanten Leuten zu tun, kann sich in die Sonne setzen und Kaffee trinken, Zeitung lesen, mittags zum Lunch gehen, ein bißchen telefonieren, lesen und schreiben. Wenn man weiß, daß der Rubel rollt, ist das ein recht angenehmer Zustand. Es gibt allerdings auch Zeiten, in denen man ein bißchen mehr zu tun hat. Ich denke, daß ich alles in allem ein ganz vernünftiges Programm zustande gebracht habe, und wenn der verrückte Büchersammler und bibliophile Armin Abmeier sagt, daß die Reihe Critica Diabolis die beste Essay-Reihe in Deutschland ist, an die auch Suhrkamp nicht herankommt, dann freut mich dieses Lob aus berufenen Mund, denn Armin Abmeier muß mir nichts vom Pferd erzählen. Dabei weiß ich, daß mir nicht alles gelungen ist. Der Slogan “Wir machen nur Bücher, die wir selber gerne lesen” ist Kokolores, über den Jörg Schröder und ich uns einmal ausgiebig amüsiert haben, denn ich kenne keinen Verlag, der nicht mehrere schlechte Bücher gemacht hat. Die Frage ist nur, wie schlecht. Und da bin ich durchaus stolz darauf, daß ich Ulrich Wickerts “Das Wetter”, “Die Vagina-Monologe” oder ähnlichen Ouatsch nicht auf dem Kerbholz habe und das Zeug aus Werbegründen auch nicht anpreisen mußte. Und das ist ja schon mal mehr als die meisten Kollegen von sich behaupten können.

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