Verlagsgeschichte

25 Jahre Verlag ist fast wie Goldene Hochzeit. Oder Steinerne Kommunion. Oder so was ähnliches. Man ist ganz schön alt. In der Bayerischen Rundschau, dem Heimatblättchen meiner Geburtsstadt Kulmbach, wäre das vielleicht sogar ein Anlaß, ein Foto zu veröffentlichen, auf dem ich bedröppelt aus der Wäsche gucke. Und wenn’s ganz dumm liefe, würde mir jemand einen Blumenstrauß überreichen und die Hand schütteln, und unter dem Foto würde stehen: „Der Jubilar Klaus Bittermann feiert sein 25-jähriges Verlagsbestehen.“ Aber nicht nur in Kulmbach, auch woanders ist es immer das Alter, das beklatscht wird, die Leistung, so lange durchgehalten zu haben bis auf Ausnahmen menschlicher Schwäche selbstverständlich. Mein Durchhaltevermögen bestand jedoch nie in etwas anderem als vor mich hinzuwursteln. Ein bißchen kommt es eben auch darauf an, was man fabriziert hat.

Auf vielfachem Wunsch werde ich hier einige Episoden aus dem Innenleben eines dilettierenden Verlegers erzählen. Nicht über jeden und alles werde ich erzählen, was mir vergeben werden möge, auch werde ich keine Skandale ausplaudern, sondern schön für mich behalten, aber ich biete eine kleine selektive und ausschließlich von meiner Willkür diktierte Wahrnehmungsgeschichte, die ich bei 25 Jahren auf den wenigen Seiten zwangsläufig nur düsenjägermäßig überfliegen kann. Wie häufig Mitte der siebziger Jahre wurde der Verlag von einer Gruppe von Leuten ins Leben gerufen, die ein solches Unternehmen für sehr originell hielten. Einer machte den Vorschlag: Tiamat. Keiner wußte, was das bedeuten sollte. Mit babylonischer Mythologie hatten wir nicht viel am Hut, aber mit Tiamat in der Bedeutung von Chaos und Ursprung konnten wir uns anfreunden. Und natürlich Edition, das hatte französisches Flair, auch wenn es deutsch ausgesprochen wurde. Wie häufig bei solchen Gruppen hatte sie nur eine geringe Haltbarkeit. Sie löste sich auf. Ich blieb bei der Stange.

Das erste Projekt: Nachdruck der ersten sieben vergriffenen Nummern der in Berlin herausgegebenen anarchistischen Theoriezeitschrift „Schwarze Protokolle“, die eine gründliche Kritik der Anfang der Siebziger in Mode geratenen K-Gruppen und grandiose Artikel des Sonderlings H.D. Heilmann enthielt. Mit 500 Seiten ein echtes Mammutwerk. Dann rief ich eine Zeitschrift ins Leben: „anschläge“. Einziger Autor des Blattes: Ich. Vorteil: Niemand widersprach mir. Später änderte sich das. Texte aus dem Französischen wurden übersetzt. Es ging um den Putsch in Polen und die „Jugendunruhen“ in London, Zürich, Amsterdam und Berlin. Aber das war schon Anfang der Achtziger.

Vorher saß ich noch in Nürnberg und edierte eine kleine surrealistische Schriftenreihe mit Jacques Prevert, René Crevel, eine Anthologie über den Comte de Lautréamont, Texte zur „Notwendigkeit der Revolte“ von der surrealistischen Konkurrenz-Gruppe „Le Grand Jeu“ und den lustigen Porno „Die tollwütigen Hoden“ von Benjamin Péret, der mir von einer gewissen linken Buchhandlung in Göttingen einen geharnischten Brief einbrachte. Die Bücher wurden zurückgeschickt. Auch von Antonin Artaud gab ich unerlaubterweise zwei kleine Broschüren heraus. Dadurch lernte ich den Münchner Verleger Axel Matthes kennen, der die Rechte an Artaud hatte und mich sehr freundlich darauf hinwies, daß man das so nicht einfach machen könne.

 

tbc ..

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