Wokeness in der Literatur

Aus der Süddeutschen Zeitung, Feuilleton, 15.10.2021: “Wokeness in der Literatur. Cool bleiben” von Hilmar Klute 

»[…] Ein Verleger, der seit Jahrzehnten im Geschäft ist, beobachtet, dass die Wokeness von den Universitäten in die Verlage getragen werde. Welcher Redefigur das Recht auf Argumente gestattet ist, gehöre zur kulturellen Ausbildung. “Die kommen schon woke in die Verlage”, sagt Klaus Bittermann, Chef der Edition Tiamat, die sich auf kritische soziologische Literatur spezialisiert hat. In Bittermanns Verlag sind Streitschriften erschienen, die sich klug mit der Identitätsdiskussion befassen, zum Beispiel ein großer Essay des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Walter Benn Michaels, der das Argument setzt, dass die Protagonisten der Diversitätsdebatten den eigentlichen sozialen Antagonismus der Welt außer Acht ließen, den zwischen Arm und Reich.
Ein anderes Tiamat-Buch, das viel Aufsehen erregt, ist Caroline Fourests Porträt der “Generation Beleidigt”, die, so die Kritik der Autorin, die Legitimation sich zu äußern von der ethnischen Zugehörigkeit abhängig mache. Vor dem Hintergrund fanden in den vergangenen Monaten zahllose Debatten statt. Über die üblichen Fachkreise hinaus bekannt wurde der Streit darum, wer das kühn in national-sentimentale Kitschregionen vordringende Gedicht “The hill we climb” übersetzen dürfe, das Amanda Gorman bei der Amtseinführung von Joe Biden aufgesagt hat.
Bittermann bestellt sein Programm weitgehend alleine, er ist nicht auf Twitter, wenig auf Facebook. Kritik an seinen Publikationen erreicht ihn kaum. “Das Problem bei großen Publikumsverlagen ist, dass sie die sozialen Medien bedienen müssen”, sagt er: “Sie haben sich auf das System eingelassen und Leute eingestellt, die es unterstützen.” Das, was von gelegentlich überlauten, oft hysterischen Konservativen “Cancel Culture” genannt wird, äußert sich immer wieder in robusten Forderungen, diesen Autor oder jenes Buch aus dem Programm zu nehmen. Das Vorschlaghammer-Argument laute, sagt der Verleger eines großen Verlags, man müsse sich auf der Höhe der Zeit bewegen. […]«