Zunächst waren da die Naziführer, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen, 21 Männer, die kurz vorher noch an den Schaltstellen der Macht und nun auf der Anklagebank saßen. Sie reizten zu kleinen psychologischen Studien, in denen die Reporterinnen aus ihrem Hass und ihrer Verachtung keinen Hehl machten. Gellhorn beobachtete, wie der »schreckenerregende« Kaltenbrunner »mit stumpfer, höflicher Aufmerksamkeit vor sich hinstarrte«. Flanner entdeckte im Gesichtsausdruck von Heß eine »schwülstige Sentimentalität« und für Rebecca West ähnelte Julius Streicher einem »schmutzigen alten Mann«. Aber sie entzaubern nicht nur die Nazi-Nomenklatura, sondern erkunden auch die Stimmung im Gerichtssaal 600 und in der deutschen Bevölkerung, die sich über den Prozess zu allerletzt »den Kopf zerbricht«, denn die meisten halten ihn für Propaganda. Und obwohl der über weite Strecken auf Dokumenten basierende Prozess kaum Dramatik bietet, ist allen klar, dass er einzigartig und ein Präzedenzfall in der Geschichte sein würde.
»In einer klaren, atmosphärischen Sprache zeichnen sie das Spannungsfeld zwischen Schuld und Verdrängung. Drinnen wird über Verbrechen gesprochen, deren Ausmaß kaum zu begreifen ist: Konzentrationslager, Vernichtung, Angriff skrieg.Draußen versuchen Menschen, ihren Alltag neu zu ordnen. Diese Gleichzeitigkeit erzeugt eine eigentümliche Schwere – als läge ein unsichtbarer Druck über allem.« (Bibliomaniacs)